Indonesien: Schriftsteller alarmiert über Bücherverbrennungen

15. Mai 2001, 12:32
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Hatz gegen "kommunistisches Gedankengut" habe das Land um "50 Jahre zurückgeworfen"

Jakarta - Schriftsteller und Wissenschaftler in Indonesien sind alarmiert über die jüngsten Bücherverbrennungen durch moslemische Extremisten. Der Kreuzzug der Islamisten gegen sogenanntes 'kommunistisches Gedankengut' aller Art hat jedoch offenbar auch eine politische Stoßrichtung.

Mehrfach haben in der vergangenen Woche moslemische Gruppen Buchhandlungen und Büchereien in Jakarta und anderen Städten gestürmt. Dabei suchten sie vorzugsweise nach Büchern, die sich mit dem Kommunismus befassten, und nach linken Autoren. Unter den verbrannten Büchern waren auch Werke des preisgekrönten und international renommierten indonesischen Schriftstellers Pramoedy Ananta Toer.

Titel aus den Regalen genommen

Indonesiens größte Buchhändlerkette 'Gramedia' hat aus Furcht vor weiteren Übergriffen bereits reagiert und mindestens 20 Titel aus den Regalen genommen. Dabei handelte es sich auch um Werke, die sich aus reinem wissenschaftlichen Interesse mit Marxismus und Leninismus und zudem sehr kritisch auseinandersetzen.

"Die die Serie der Attacken sind ganz klar ein schwerer Rückschlag", stellt Hermawan Sulistyo, Politikforscher am Indonesischen Institut der Wissenschaften (LIPI), fest. "Die Bücherverbrennungen haben Indonesien um 50 Jahre zurückgeworfen." Auch Werke von Sulistyo fielen den moslemischen Bücherverbrennern zum Opfer.

Agriff auf Demokratie

"Die Verbrennung von Bücher sollte als Angriff auf die demokratische Grundordnung Indonesiens gewertet werden", fordert der Philosophiedozent Franz Magnis Suseno. Auch sein Buch über Karl Marx, eine überaus kritische Bestandsaufnahme der kommunistischen Utopie, endete auf dem Scheiterhaufen islamischer Stoßtrupps. Dabei kommt Susenos Buch sogar zu einer ausgesprochen negativen Wertung des Kommunismus. Offenbar reichte jedoch allein das Wort Karl Marx auf dem Umschlageinband den Bücherstürmern.

Kommunismus als "Gift für die Jugend"

"Die Verbrennung von Büchern Susenos ist symbolisch", rechtfertigt Suaib Didu, Anführer der Islamischen Jugendbewegung (GPI), die Aktion seiner Gruppe. "Alle kommunistischen Bücher müssen verbrannt werden, weil sie unsere Jugend vergiften", erklärt er. Er habe Susenos Buch "halb" gelesen und kenne Leute, die es ganz gelesen hätten.

Didu beruft sich wie andere Gruppen auch auf das 1966 vom damaligen Regierungschef Suharto erlassene Anti-Kommunismus- Gesetz. Die Vorschrift ist zwar nach wie vor gültig und untersagt die Verbreitung kommunistischer Gedanken in Indonesien, ist jedoch seit Jahren in Vergessenheit geraten.

Gerade die Referenz auf das Anti-Kommunismus-Gesetz, das schon Ende der 1960er Jahre die Handhabe zu einer wahren Hexenjagd gegen Andersdenkende in Indonesien geliefert hat, stimmt Kenner der politischen Szene nachdenklich. Der Name Suharto komme dabei nicht ganz zufällig ins Spiel, vermuten sie.

Anscheinend steckten hinter der Bücherkampagne bislang nie in Erscheinung getretener Moslem-Gruppen Kräfte, die gegen Staatspräsident Abdurrahman Wahid operierten. Seit Monaten schon verbreiten politische Gegner, die Wahid stürzen wollen, dass seine Unterstützer von Kommunisten infiltriert seien. In Indonesien gelten derartige Bemerkungen als Mittel, einen politischen Sündenbock zu schaffen.

Erinnerungen an Suharto werden wach

Die jüngste Anti-Kommunismus-Bewegung erinnere ihn sehr an das Regime von Suharto, findet Rizal Panggabean, Forscher am Zentrum für Friedens- und Sicherheitsstudien der Universität von Gadjah Mada in Yogyakarta. Das Ganze sei Teil eines politischen Manövers, das die Unterstützer von Präsident Wahid schwächen solle.

Bezeichnend scheint auch der Zeitpunkt zu sein, zu dem die Kommunismusvorwürfe erstmals auftauchten. Im Februar waren Hunderttausende von Anhängern Wahids aus Protest gegen den Versuch des Parlaments, ihn zu entmachten, auf die Straße gegangen. Sie forderten die Auflösung der Golkar-Partei, deren Gründer und ehemaliger Vorsitzender Suharto ist und steckten mehrere Parteilokale in Brand.

Seitdem, so scheint es, haben die Gegner Wahids den Kommunismus- Vorwurf entdeckt. Zustatten kommt ihnen dabei, dass Wahid aus Ostjava stammt, das vor dem Putsch Suhartos gegen Sukarno 1965 eine Bastion der kommunistischen Bewegung Indonesiens war. Persönlich am Zeug flicken können seine Gegner Wahid aber nicht. In Ostjava war er jahrelang Vorsitzender der 'Nahdlatul Ulama' (NU), der mit 30 Millionen Mitgliedern stärksten Moslemorganisation Indonesiens.

Verteidigungsstrategie von Golkar

Der Jurist Nikolas Simandjuntak vermutet hingegen weniger einen Kampf um die Macht im Regierungspalast, sondern vielmehr den Versuch der Suharto-Fraktion, Untersuchungen wegen Korruption zu stoppen, die ihr gefährlich nahe kommen. "Die sogenannte Anti- Kommunismus-Bewegung ist Teil der Verteidigungsstrategie von Golkar."

Wie weit die selbsternannten Gesinnungswächter Rückhalt bei den Sicherheitsorganen Indonesiens haben, ist derzeit unklar. Allerdings wurde vielfach beobachtet, dass Polizisten untätig daneben standen, während Moslemtrupps Buchhandlungen stürmten und Bücher in Brand setzten.

Besonders hervorgetan hat sich bei Aktionen am 2. Mai die Gruppierung Anti-kommunistische Allianz (AAK), die für sich in Anspruch nimmt, ein Zusammenschluss von 33 moslemischen Organisationen. Für den 20. Mai, den Tag der Nationalen Erweckung, hat AAK erneut landesweite Aktionen angekündigt. Dazu erklärte der AAK-Generalsekretär Nofal Dunggi: "Wenn wir am 20. Mai mit kommunistischen Büchern aufgeräumt haben, wird AAK auch mit den Kommunisten selbst aufräumen." (IPS)

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