Authentische Studie alltäglicher Beziehungslosigkeit

15. Mai 2001, 12:09
1 Posting

Jessica Hausners "Lovely Rita" bei den Festspielen von Cannes

Cannes - Jessica Hausners "Lovely Rita", als Langfilmdebüt im Rennen um eine "Camera d'Or" (Goldene Kamera) bei den Filmfestspielen in Cannes, wurde am Montag der Presse vorgestellt. Basierend auf einem wahren Fall, beschreibt "Lovely Rita" in einer Art Chronologie des Zufalls, wie es dazu kommt, dass eine Jugendliche - ohne offensichtliches Motiv - ihre Eltern ermordet: Eine beunruhigende, beeindruckende Studie über die alltägliche Beziehungslosigkeit.

Ein Bild der Beziehungslosigkeit steht schon am Anfang des Films: Ritas Vater schießt, mit Gehörschutz über den Ohren, im Hobbykeller auf eine Zielscheibe, als er zum Essen gerufen wird. Die Szene wiederholt sich gegen Ende, allerdings mit anderem Ausgang. Während der Vater sich umdreht, greift Rita zur Waffe und drückt ab. Dazwischen gibt es Momentaufnahmen aus dem Alltag einer Pubertierenden und einer so genannten normalen Familie.

Wiener Mittelstand

Rita wächst als Einzelkind in einer Wiener Mittelstandsfamilie auf. "Was machst denn schon wieder für ein G'schau", kommentiert der Vater Ritas mürrisch-stille Art, die sie auch in der Klosterschule zur Außenseiterin macht. Momente scheinbarer familiärer Harmonie entlarvt Hausner als Fassade, als gescheiterte hilflose Versuche, Nähe herzustellen. Die gezwungene Atmosphäre der Geburtstagsfeier für den Vater, das gemeinsame Musizieren, bei dem es den Vater stört, dass Rita die Liedstrophen verwechselt, das vom Vater gewünschte Versöhnungsbusserl, nachdem Rita wieder einmal mit Zimmerarrest für Schulschwänzen bestraft wurde.

Rita spricht wenig, langsam und schon gar nicht über sich selbst, sie scheint sich treiben zu lassen. Und Hausner erklärt nicht, sie zeigt nur. Szenen, in denen Rita undurchschaubar, nach außen hin gleichgültig oder auch glücklich ist - mit dem für sie viel zu jungen Nachbarbuben, den sie aus dem Krankenhaus entführt, mit dem für sie zu alten Busschauffeur, mit dem sie in die Disco geht, mit beiden hat sie auch erste sexuelle Erfahrungen.

Dokumentarisch wirkende Authentizität

Gefilmt mit einer Videokamera und einem Glücksfall von einem Laienensemble (vor allem Barbara Osika als Rita), stellt Hausner eine fast dokumentarisch wirkende Authentizität her. Die Frage nach Ritas Tatmotiv ist auch die Frage nach ihrem Lebensmotiv. Hausner gibt sie an den Zuschauer weiter: Nachdem sie auch die Mutter erschossen hat und nach einer Nacht im Hotel scheinbar ungerührt nach Hause zureckgekehrt ist, geht Ritas letzter Blick in die Kamera.

Am 6. Juni läuft übrigens in Frankreich Hausners mittellanger Film "Inter-View" (mit "Flora" als Vorfilm) im Kino an, der 1999 in der Nachwuchsschiene "Cinefondation" in Cannes mit einer "Mention Speciale" ausgezeichnet wurde. (Von Birgit Lehner/APA)

Share if you care.