Die Manipulation des Immunsystems

15. Mai 2001, 11:46
posten

Wissenschafter wollen steuernd eingreifen

Wien - Manchmal reagiert das menschliche Immunsystem zu scharf, manchmal zu lahm: Im ersten Fall kommt es beispielsweise zu Allergien oder zur chronischen Polyarthritis, im zweiten überwältigen beispielsweise Infektionen oder Krebs die Immunabwehr und machen krank. Doch während ehemals eher Glück zu Möglichkeiten führte, in diese Mechanismen einzugreifen, soll das in Zukunft zielgerichtet sein.

"Die Manipulation des Immunsystems ist eine Herausforderung für die Medizin. Wir wollen dadurch zu besseren Therapien kommen", erklärte der Wiener Immundermatologe Univ.-Prof. Dr. Georg Stingl Montag Nachmittag bei einem von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veranstalteten, bis Dienstag dauernden Symposium zu diesem Thema.

Was Millionen Menschen brennend interessiert: Wird es nach vielen Fehlschlägen doch einmal einen Impfstoff zur Verhütung von Aids geben? Der US-Spezialist William E. Paul von den nationalen US-Gesundheitsinstituten in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland, einer der Vortragenden bei dem Symposium: "Mit so genannten DNA-Vakzinen konnte man bei Makaken (Affen, Anm.) eine so starke Immunantwort durch T-Zellen (Abwehrzellen, Anm.) hervorrufen, dass sie sieben Monate lang geschützt waren. Das könnte auch eine Alternative zu Lebend-Impfstoffen gegen HIV sein. Ich glaube nicht, dass es die je geben wird." Bei DNA-Vakzinen wird künstliches Erbgut konstruiert und als Impfstoff injiziert. Der Organismus des Geimpften produziert dann erst den eigentlichen Impfstoff.

Ein anderes Projekt verfolgt Univ.-Prof. Dr. Dieter Maurer von der Abteilung für Immundermatologie an der Universitäts-Hautklinik in Wien. Er und sein Team sind international mit an der Spitze bei der Erforschung jener Mechanismen, die zur Funktion der wichtigsten Antigen-präsentierenden Zellen (dendritische Zellen) beitragen.

Diese Zellen patrouillieren durch den Körper, nehmen fremde Antigene auf und präsentieren sie dem Immunsystem. Speziell untersuchen die Wissenschafter jene Mechanismen, welche die dendritischen Zellen wieder in die Lymphknoten "locken". Dort findet dann die Antigen-Präsentation statt. Wahrscheinlich spielt dabei der so genannte CCR-7-Rezeptor, der auf der Oberfläche der dendritischen Zellen vermehrt gebildet wird, eine essenzielle Rolle. Das Verstehen solcher Mechanismen könnte auch dazu führen, dass jene Vorgänge aufgeklärt werden, die zur Entstehung von Krebs-Metastasen beitragen. Diese Tochtergeschwülste breiten sich ja ebenfalls über das Lymphsystem aus.

Immunsystem aggressiver und auch toleranter machen

Dendritische Zellen gelten auch als das ideale Vehikel für Impfungen, die gegen Krebs wirken sollen. Doch die Arbeiten für solche Vakzine sind ausgesprochen kompliziert. Am Institut für Immunologie der Universität Wien sind deshalb Wissenschafter um Univ.-Prof. Dr. Winfried Pickl bemüht, ähnliche Strukturen zu schaffen, die genau so wie dendritische Zellen funktionieren. Sie könnten für den jeweiligen Verwendungszweck "maßgeschneidert" werden. Pickl: "Einige dieser artifiziellen dendritischen Zellen riefen eine starke Reaktion bei T-Zellen hervor."

"Maßgeschneiderte" dendritische Zellen will auch Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Romani von der Universitäts-Hautklinik in Innsbruck produzieren. Mit ihnen - so ein Forschungsprojekt von Univ.-Prof. Dr. Gernot Schuler von der Universität Erlangen - könnte man eventuell das Immunsystem sowohl aggressiver als auch toleranter machen.

Das Modulieren des menschlichen Immunsystems könnte aber auch noch ganz andere Effekte haben: Am Dienstag stellt Josef M. Penninger vom US-Gentechnik-Konzern Amgen Möglichkeiten vor, durch die einmal jährliche Injektion eines Medikaments, bei Osteoporose-Patienten den Abbau der Knochen zu bremsen. (APA)

Share if you care.