Analyse urbaner Atmosphären

15. Mai 2001, 18:33
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Das Wiener Stadt + Regionalforschungszentrum SRZ arbeitet abseits des Marktüblichen

Wien - Letztes Jahr wurden unter anderem folgende Untersuchungen fertig: "Treffsicherheit von Sozialleistungen der Stadt Wien", "Effekte der Haushaltsentwicklung auf die künftige Wohnungsnachfrage" und der "BUWOG-Report", in dem die spezifische Wohnsituation, Wohnungsnachfrage und u.a. auch die Sozialstruktur von Haushalten öffentlich Bediensteter erhoben wurden.

Im etwas verwinkelten und mit Pflanzen begrünten Großraumbüro - dritter Stock, Altbau, Hoftrakt - haben kaum mehr Leute einen Arbeitsplatz, als es Gesellschafter gibt: sieben an der Zahl und im Wesentlichen jene Gruppe, die sich vor ziemlich genau zehn Jahren selbstständig gemacht hat, als das Institut für Stadtforschung (aus öffentlichen Geldern finanziert) geschlossen wurde.

Vor fünf Jahren attestierte ihnen ein Berliner Freund, dass sie unfähig seien, sich zu vermarkten, und lehnte freundlich, aber bestimmt ihren Wunsch ab, über ein Institut zu schreiben, das marktübliche Gepflogenheiten und Anforderungen in einer Mischung aus Dilettantismus und Geringschätzung einfach nicht befolge. Die Leute vom SRZ hatten den Mut, diesen Brief in ihrem Newsletter zu veröffentlichen. Eine Geschäftsführung gibt es bis heute nicht. Und der Umsatz liegt seit Jahren nur bei drei bis vier Millionen Schilling - andere Institute rechnen mit dem Doppelten.

Aber die von manchen vielleicht belächelte Sonderbarkeit des SRZ allein ist nicht Anlass für diesen Bericht. Erstaunlich ist vielmehr: Während andere Forschungsinstitute immer wieder jammern, dass sie erst beim x-ten Mal mit ihrer Einreichung um EU-Forschungsgelder zum Zug kommen, ist es dem SRZ (fast) auf Anhieb gelungen. Die Projektevaluierung fiel so gut aus, dass dem kleinen Team sogar die Koordinierung und Projektträgerschaft übertragen wurde. Das Thema: sozialer Zusammenhalt und Wohnungsversorgungssysteme; fünf große und internationale Institute werden unter der Leitung des SRZ zusammenarbeiten.

An eine Expansion wird dennoch nicht gedacht. Für das seit kurzem achtköpfigeTeam (zwei Frauen, sechs Männer) heißt das bloß, dass der Output steigen wird. Um das zu verstehen, muss man, nicht nur was die Forschungsinhalte betrifft, weiter ausholen.

Stadtraumforschung - von wohnbezogener Grundlagenforschung bis hin zu Mietrechtsänderungen oder Bedarfsprognosen - ist ein eng mit kommunaler Politik verwobener Bereich. Seit die Wohnbauförderpolitik Ländersache ist und die Mittel für einschlägige Forschung drastisch reduziert wurden,hat sich neben den ohnehin spürbaren konjunkturellen Schwankungen die Auftragslage stark verdünnt. Die Projekte werden kleiner, kurzfristiger, aber der Aufwand für Akquisition, Einarbeitungsphase (bedingt durch hohe Spezifik und starke örtliche, urbanistische Veränderungen) und Projektierung bleibt gleich. Gerade Themen wie "räumliche Entwicklung" oder "Baulandfragen" werden zurzeit wenig nachgefragt. Heikle sozialpolitische Themen wiederum - wie die Migrantenbefindlichkeit im Wohnsektor - können schon mal in der Schublade der Auftraggeber liegen bleiben.

Auch Bauträger

Dabei kann man nicht sagen, dass im SRZ am öffentlichen und privaten Interesse vorbeigeforscht wird. Ganz im Gegenteil: Nicht nur für den Flaneur sind die unterschiedlichsten urbanen Atmosphären zu spüren, und ohne ihnen forschend auf den Grund zu gehen, wissen wir sie zu lesen - aber nicht nach den verschiedenen Bedingungen und Eingriffen hin zu analysieren. Das aber ist Aufgabe eines Instituts wie des SRZ. Nur gibt es kaum ein zweites in ganz Österreich. Die potenzielle Klientel für angewandte Forschung - und zu ihr gehört mittlerweile erfreulicherweise auch eine neue Generation von gewerblichen Bauträgern - weiß die Untersuchungen der StadtraumforscherInnen zu schätzen und benützt die publizierten Ergebnisse fleißig. Geld bringt das wenig. Aber Geld scheint auch nicht die ansonsten übliche dominante Rolle zu spielen.

Dr. Karl Czasny (Soziologie), Gerhard Bständig (EDV, Organisation), DI Heidrun Feigelfeld (Arch.+Stadtentwicklung), Mirko Heuegger (EDV, Raumplanung), DI Peter Moser (Stadtentwicklung, Politologie), DI Robert Mühlegger (Raumplanung), Bernhard Schöffmann (Organisation), Eva Stocker (Psychologie) sind alle nicht nur eigenständig kompetent; ihre Curricula werden klein geschrieben, ihre Professionalität groß. Mag sein, dass gerade diese vergleichsweise unübliche Einstellung dazu prädestiniert, den Fragen nach der wechselseitigen Bedingung von urbanem und sozialem Leben gerecht zu werden.

SRZ Stadt+Regionalforschung GmbH, Lindengasse 26/2/3 1070 Wien T: 523 89 53, Fax: -5

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