Salzburg: Aus Scham keine Sozialhilfe

15. Mai 2001, 15:19
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Armutsstudie: Weniger als die Hälfte nimmt Unterstützung in Anspruch

Salzburg - Laut Statistik sind in Österreich 900.000 Personen armutsgefährdet, weitere 320.000 sind akut arm. Auf Salzburg umgerechnet leben im Bundesland mit dem reichen Image etwa 23.000 akut Arme; 57.000 gelten als gefährdet. Aber nur rund 10.000 beziehen Sozialhilfe.

Diese Schere zwischen Anspruchsberechtigten und -beziehern ist eines der Ergebnisse der Salzburger Armutsstudie, die am Dienstag bei einer regionalen Salzburger Armutskonferenz präsentiert wird. Bei der Tagung sollen vor allem Betroffene zu Wort kommen. Politik und Sozialbürokratie sind zum Zuhören eingeladen. Sie sollen erst bei einer Folgekonferenz am 19. Juni Stellung nehmen.

Konferenz und Studie sind erste Ergebnisse eines regionalen Armutsnetzwerks, das sich in Folge der gesamtösterreichischen Armutskonferenzen gebildet hat. Neben verschiedenen Sozialinitiativen arbeiten dabei auch potente Organisationen und Körperschaften wie Arbeiterkammer, Sozialabteilung des Landes, Katholische Aktion, Volkshilfe oder Caritas mit. Ähnliche Zusammenschlüsse gibt es in Kärnten und Oberösterreich.

Die von Studienautor Heinz Schoibl erhobene Schere zwischen der Anzahl Armer und den potenziell Bezugsberechtigten ist für ihn vor allem auf das "Stadt-Land-Gefälle" beim Sozialhilfebezug zurückzuführen. Während in der Landeshauptstadt 1999 rund 39 von 1000 Einwohnern den Weg zum Sozialamt nahmen, waren es im Lungau nur 2,9 je tausend Einwohner. Schoibl macht dafür den sozialen Druck am Land verantwortlich. Die Betroffenen würden aus Scham keine Unterstützung suchen und lieber die privaten Netze beanspruchen - "bis diese reißen".

Neben mangelnder Qualifikation sind auch Kinder eine echte Armutsfalle. Jede vierte Familie mit Kindern ist ein Alleinerzieherhaushalt. Gerade in Salzburg seien aber Kinderbetreuungsplätze Mangelware, kritisiert Schoibl. Und so fänden - überwiegend - Frauen keine adäquaten Jobs. Die Folge: Die Hälfte der Alleinerzieherinnen ohne eigenes Einkommen sind gefährdet oder bereits akut arm. (neu, DER STANDARD, Print-Ausgabe 15.Mai 2001)

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