Ganz Paris spricht von der Liebe

14. Mai 2001, 20:39
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In Frankreich sorgt die sexuelle Autobiografie Catherine Millets für Gesprächsstoff

"Ich bin eine unwiderrufliche Avantgardistin. Indem ich mein Sexualleben der Öffentlichkeit preisgebe, verfolge ich nur meine persönliche Logik", verkündete Catherine Millet, Herausgeberin der Elite-Kunstzeitschrift Art Press und Bestsellerautorin, vorige Woche im Centre Pompidou, wo sie vor einem vollen Saal mit der Filmemacherin Catherine Breillat (Romance) sprach. Die narzisstische Exhibitionistin Millet veröffentlichte unlängst den Renner dieses französischen Literaturfrühlings, La vie sexuelle de Catherine M., wo sie ihr Sexualleben (Vorliebe: Gruppensex) mit der geübten Feder der Kunstkritikerin für griffige Formeln, mit Distanz, Direktheit (der Sprache und des Inhalts) und provokanter Courage schildert.

Sie liefert die erste pornographische Erzählung einer (im Intellektuellen- und Künstlermilieu bekannten) Frau, in der ersten Person, ohne Pseudonym. Mit geradezu klinischem Blick (nach außen wie innen) formuliert die 53-jährige Catherine Millet ihre Vision der Sexualpraxis, ihre Fantasievorstellungen und die stereotypen Manien und Phrasen ihrer meist anonymen Partner.

Millet macht ihr Intimleben zur Fiktion, annulliert und negiert die Intimität durch die Veröffentlichung ihres Massen-Sexualkonsums (in Unmassen und mit unzähligen Partnern zugleich). Ihr Verlag (Le Seuil) wirbt mit den astronomischen Verkaufszahlen des mit dem Voyeurismus des Publikums kalkulierenden Titels, d. h. 140.000 ausgelieferte Exemplare, zu denen täglich 5000 dazukommen.

Ausländische Verlage überbieten sich bereits, um die Übersetzungsrechte zu erwerben. "Es handelt sich um ein einzigartiges Phänomen", gibt der Verlag Le Seuil bekannt, "dass ein Buch einen Monat nach seinem Erscheinen weltweites Interesse erweckt". Die Übersetzungsrechte für den deutschen Sprachraum wurden von Goldmann bereits für fast vier Millionen Schilling erworben.

Gleichzeitig veröffentlichte Millets Mann, der Schriftsteller Jacques Henric, ein Aktfotoalbum, Légendes de Catherine M., wo er die Haut der Kunstkritikerin zu Markte trägt. Catherine M. ist in aller Munde, weil sie dauernd den Mund voll nahm.

Genau wie Catherine Breillat, die Cinéastin, die "einfach gerne den Liebesakt auf der Leinwand sieht" und ihn deswegen immer wieder filmt, störe und hinterfrage Catherine M. die Gesellschaft, meinte die Moderatorin im Centre Pompidou. Beide lehnen das Etikett "Pornographie" ab und meinen, keine Tabus zu brechen, da es - außer Inzest - keine für sie gibt.

"Ich gehe nie zu weit", behauptet die sehr menschliche und sanft humorvolle Cinéastin Breillat, deren jüngster Film A ma soeur! seit März in den französischen Kinos läuft, "ich konfrontiere mich mit der Gesellschaft. Verbote faszinieren mich, denn erstens möchte ich wissen, warum etwas verboten ist, und zweitens, was dieses ,Unnennbare' überhaupt ist. Ich möchte es sichtbar machen. Ich will es sehen. Ich muss es ganz einfach materialisieren. Die wichtigste Szene meiner Filme ist immer eine Kopulation. Wenn sie danebengeht, existiert der ganze Film nicht mehr. Meine Filme verstören die Leute deswegen, weil sie sie mit ihrer eigenen Wahrheit konfrontieren, die sie sonst immer leugnen. Die Kunst des Verleugnens ist einer der psychischen Träger unserer männlich geprägten Gesellschaft."

Worauf C. Millet ergänzt: "Der Gesellschaft würde es sicher besser gehen, wenn mehr Leute sich ,outen' wollten, indem sie öffentlich Position zur Sexualität bezögen bzw. über ihre Sexualität sprächen."

Jedenfalls käme das dem aktuellen Trend zum Voyeurismus gerade gelegen.

(STANDARD-Mitarbeiterin Olga Grimm-Weissert aus Paris)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.5. 2001)

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