Bei Bürgermeisterwahlen gingen die Uhren anders

14. Mai 2001, 19:29
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In Rom und Neapel liegen Kandidaten der Linksparteien voran

Seit der Einführung der Direktwahlen haben Italiens Bürgermeister an Kompetenzen und politischer Macht gewonnen. So spielte die Partei- bzw. Koalitionszugehörigkeit bei den Kommunalwahlen in acht Großstädten erst die sekundäre Rolle; die Persönlichkeit und die Leistungen der Kandidaten waren ausschlaggebend.

Deshalb ist auch eine sehr differenzierte Entwicklung festzustellen. Der erwartete Wahlsieg des Mailänder Bürgermeisters und Kandidaten der Mitte-rechts-Koalition, Gabriele Albertini, ist vor allem auf seine zahlreichen kommunalen Verdienste zurückzuführen. Nach dem "exit poll" des Meinungsforschungsinstitutes Abacus erhielt er über 60 Prozent der Wählerstimmen und muss sich daher - sollten die Hochrechnungen stimmen - keiner Stichwahl unterziehen.

Starker Aufschwung

Die beiden linken Kandidaten, Walter Veltroni und Rosa Russo Jevolina, weisen in den Großstädten Rom und Neapel einen beachtlichen Vorsprung auf. Allerdings reicht dieser nicht aus, um die Stichwahlen zu verhindern. Vor allem Veltroni, Exchefredakteur der linksgerichteten Zeitung Unita, Kulturminister und späterer Parteiobmann der Linksdemokraten (DS) hat mit geschätzten 51 Prozent der Stimmen einen knapperen Vorsprung gegenüber dem ehemaligen Pressesprecher von Silvo Berlusconi, Antonio Tajani, erzielt als ursprünglich angenommen.

Zweifellos hat Rom unter der achtjährigen Verwaltung des ehemaligen Bürgermeisters und späteren Regierungschef-Kandidaten Francesco Rutelli einen starken Aufschwung genommen. In der 2,8-Millionen-Stadt sind nicht nur die Fassaden der Paläste im Hinblick auf das heilige Jahr erneuert worden. Rom hat sich auch zu einem wichtigen Standort für die New Ecomomy entwickelt.

Ausschlaggebend bei der für 27. Mai angesetzten Stichwahl in Rom werden aber nicht nur die Verdienste sein, die Exkulturminister Veltroni für seine Stadt erwarb, sondern die Stimmen, die die "Demokratische Europäische Partei" von Sergio d'Antoni für sich abgezweigt hat. Expremier Giulio Andreotti ist der eigentliche Drahtzieher dieser neuen Partei, die bei den Parlamentswahlen haushoch verlor, bei den römischen Bürgermeisterwahlen aber noch ein Wort mitzureden haben wird.

In Neapel hat die ehemalige Gesundheitsministerin der Mitte-links-Regierung, Rosa Russo Jervolino, zwar einen Vorsprung gegenüber ihren rechtsgerichteten Kollegen erreicht. Dieser ist aber zu gering, um den Stichwahlen zu entgehen. Neapel hatte unter der achtjährigen Amtszeit des gegenwärtigen Regionalpräsidenten Bassolino einen enormen Aufschwung erlebt: Der Chefredakteur der Stadtzeitung Corriere del Mezzogiorno befürchtet, dass sämtliche künftige Kandidaten in den Parteienfilz verwickelt werden könnten.

In der norditalienischen Industriestadt Turin führt zurzeit der Kandidat der Mitte-rechts-Koalition, Rosso. Allerdings hatte hier die Linke einen schweren Verlust erlitten, als ihr aussichtsreicher Kandidat und Vizebürgermeister Carpanini kurz vor den Wahlen einem Herzinfarkt erlag. Der Ausgang der Stichwahlen in Turin ist noch gänzlich ungewiss. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2001)

STANDARD- Korrespondentin Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand
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