Brennen für die Freiheit

14. Mai 2001, 21:39
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Bücher und Ketzer: Zündendes auf Linzer und Bregenzer Bühnen

Bücher In Zeiten, in denen "oranger" Voyeurismus boomt und gleichzeitig an Freiheiten der schreibenden Zunft von höchster Stelle aus gezündelt wird, schlägt ein heller Funke von Ray Bradburys Science-Fiction-Klassiker "Fahrenheit 451" in die heutige Vergangenheit. Denn die lustvoll Bücher verbrennenden Feuerwehrmänner verrichten im Roman, der durch Truffauts Film mit Oskar Werner in der Rolle des Montag weltberühmt wurde, ihre stets von oben kontrollierte Arbeit im Dienste dieser Furcht vor dem freien Wort. Bradbury selbst hat 1998 die Dramatisierung des Stoffes aktualisiert, das Phönix-Theater stellte sie auf die Bühne.

Dort wird der Funke sogleich in einen Feuerwall verwandelt, der allerdings rasch wieder erlischt: Der Feuerwehrtrupp ergötzt sich pubertär schreiend und feixend und nackt unter der Dusche. Aus ist es, das Feuer. Schon klar, was sich da zu Beginn an maskuliner Gruppendynamik abspielt. Klar auch, wie am Ende "Big Brother" in Form einer Videowall-Einspielung der Dummheitswächter alle Illusionen eines freien Refugiums zerstört. Ebenso klar, dass die systemgerechten Frauen als blöde, geknechtete Tussis über die markante Bühne (Monika Rovan) zu hopsen haben.

Wohl stellt Hakon Hirzenberger (Regie) solch plakativen Grobzeichnungen die subtilere, zuletzt in schwer erträgliche Sentimentalität abgleitende Beziehung zwischen dem renegaten Feuerwehrmann und seiner jungen Geliebten gegenüber. Aber eine wirkliche Ausdifferenzierung der Situationen, schon gar eine feine Aktualisierung bleibt auf der Strecke. Am engagierten und guten Schauspielteam liegt es jedenfalls nicht, dass 90 Minuten so lange dauern.
(Reinhard Kannonier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2001)
Phönix, 20 Uhr

4020 Linz
Wiener Straße 25
Tel.: 0732/66 65 00


InquisitionDas Bild verfügt über eine gewisse groteske Pikanterie: Rechts auf der Bühne steht ein blutüberströmter, halbnackter Schmerzensmann, wir wissen, es ist der Priester und Philosoph Giordano Bruno, die Hände wie ein Gekreuzigter der Wissenschaft in ein Foltergestell aus Holz gespannt. Links, auf angeschrägten Plumpsklos, sitzen die Pfaffen, der Chefinquisitor und der Papst, ihr Lustknabe, eine Frau namens Diana und etwas abseits ein menschlicher Esel.

So beginnt Martin Grubers zweiter Teil seiner Anarchisten/Konformisten-Trilogie "Giordano B Ketzer", die Uraufführung eines Textes von Andreas Staudinger, mit der das "aktionstheater ensemble" im dietheater Künstlerhaus gastierte. Während der Papst wie ein Kretin (wunderbar: Maximilian Achatz) von Klo zu Klo trippelt, um sich dort qualvoll zu erleichtern, singt der Hofstaat vielstimmig ein "Gloria" oder "Magnificat". Und wenn der Papst einmal nicht mit seiner allerhöchsten Entleerung beschäftigt ist oder mit dem Lustknaben rausgeht, klagt der Chefinquisitor keuchend und schnaufend, kichernd und krähend (eine Glanznummer: Rüdiger Hentzschel) den gefolterten Bruno an mit der Schlusspointe: "Den wollen wir doch einmal brennen sehen."

Davon redet auch der Ketzer (Werner Landsgesell), aber vom Brennen "aus Liebe zur Erkenntnis", und dann rechnet er fauchend mit dem ganzen klerikalen "Scheiß" ab, dem dumpfen katholischen Sumpf, der Unterwürfig- und Niederträchtigkeit. "Ihr werdet Eure Theologie nicht vor den Naturwissenschaften schützen können", schleudert er den Pfaffen entgegen. Wir wissen, dass er Recht behalten hat. Andreas Staudingers von bemühten Sprachspäßen getragener Text aber kommt über solche Schulbuchweisheiten kaum hinaus. Und auch Martin Grubers Inszenierung bleibt trotz allem Bild-, Bewegungs- und Kirchenmusicalwitz in einer klischeehaften Opposition stecken: Hier der Ketzer und Rebell, da die bösen, kretinösen Pfaffen. Das Theater macht sich gekonnt über die Mächtigen von gestern lustig, aber man fragt sich: Warum eigentlich hat uns Martin Gruber diesen Witz erzählt?
(Lothar Lohs/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2001)


Festspielhaus Bregenz
Do, Fr, 19:30 Uhr
Tel.: 05574/49 59-0

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