Trauer, Tod und Transparenz

14. Mai 2001, 21:12
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Orchestrale Kunst aus Paris und Wien

Wien - "Die Musik hat weite Flügel, die sich innerhalb der Mauern eines Theaters nicht ganz entfalten können", sagt Hector Berlioz. Und genauso war es. Das Orchestre de Paris unter Christoph Eschenbach spielte so dramatisch pointiert, alle musikalischen Farben vermittelnd, dass das Konzerthaus zum Ort einer ungezügelten romantischen Utopie wurde: den Klang an sich in die Welt zu bringen.

Ouvertüre zu Benvenuto Cellini von Berlioz: Burlesk, schwärmend und einzelne Instrumentengruppen szenisch hervorhebend, führte Christoph Eschenbach durch das Werk, das einen Renaissance-Künstler bissig porträtiert. Musik als Kritik. Und der Dirigent, mit seinen scharf umrissenen Gesten die Klänge in der Luft zerschneidend, ihr detailverliebter Diener.

Bei Les Nuits d'été von Berlioz kamen dabei manchmal die Nachtseiten der Romantik zu kurz. Susanne Mentzer sang mit ihrer dunklen Stimme sechs Orchesterlieder über Tod und Trennung. In jeder noch so lang auskomponierten Phrase blieb sie selbst im Pianissimo intensiv, klar und tragend. Der Geist der Rose: Die Sängerin gestaltete eine mystische Stimmung und übersetzte sie auch ins Szenische. Mit der Italienischen von Felix Mendelssohn-Bartholdy führte das Orchester dann virtuos durch lichtere Romantik. Italien als Knalleffekt, dazu mildere Tupfer, ausklingend, in Erinnerung an einen neapolitanischen Tanz, mit einem Saltarello.

Kein federleichter Tanz im Musikverein. Es zeigte sich: Worüber man zusammen nicht viel zu sagen hat, darüber soll man schweigen. Tut man es nicht, klingt es wie ein gefälliger Austausch von Schablonen, tönt es wie das Gespräch zwischen den Philharmonikern und Seiji Ozawa über Mozarts Jupiter-Symphonie. Verhängnisvollerweise nahm sich der Maestro auch noch ziemlich viel Zeit, als wollte er den Orchesterklang genießen und nicht gestalten.

Späte Dramatik

Das Allegro vermittelt sich denn auch recht gleichförmig und hätte schon nach drei Minuten ohne Informationsverlust enden können ... Zudem Legato-Übertreibungen und allzu üppig ausgesungenen Phrasen. Ozawa kostet auch die Sanftheit des Andantes aus und kümmert sich erst im Finale um Dramatik. Zu wenig. Dann schon lieber Don Quixotes "unmöglicher Traum" von Richard Strauss.

Cellist Mstislaw Rostropowitsch nahm die Gelegenheit wahr, mit den Philharmonikern klangvoll kammermusikalisch zu plaudern - Ozawa vermittelte behutsam im Spiel zwischen Transparenz und Opulenz.
(macko/tos/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2001)

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