Die Karawanken-Absager

14. Mai 2001, 21:09
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Werner Koflers "Tanzcafé Treblinka" im Stadttheater Klagenfurt uraufgeführt

Klagenfurt - Der gebürtige Villacher Werner Kofler bringt in seiner feinen, bösartigen Literatur die Wirklichkeit in eine für sie unhaltbare Lage: Mordknechte und Mondanbeter türmen so lange Sätze aufeinander, bis die Sprecher, von ihrer geglaubten Sprachhöhe aus, in die Niedertracht kopfüber hinabstürzen.

Nun aber erst wird auch den Zuhörern bewusst, dass diese schönen, wiewohl unhaltbaren Sätze, die so betörend nach Thomas Bernhard geklungen haben, nach Szenenklatsch und Kulturquatsch, nichts sind als die bodenlose Gemeinheit, als Faulstricke. Nichts als Bergspitzen der Sprachkunst; und doch nur Fallgruben mit den sprachlosen Faschismusopfern darin.

Der Doppelmonolog Tanzcafé Treblinka ist in Koflers verwunschener Topographie der faschismusanhängigen Gemütsgemeinheit sozusagen der von nichts mehr umwölkte Gipfel. Ein sich erinnernder Sprecher, ehedem Klagenfurter Theater-Nazi, würgt Satzstücke wie Scherben hervor, legt sie hernach anmutig aneinander und putzt sie vor den Augen und Ohren eines schweigenden Nachgeborenen bedeutungsblank.

Er kratzt den Wörtern wie "Sonderkommando" und "Wannsee-Konferenz", wie "Generalgouvernement" und "Treblinka" die Gravur des Entsetzlichen leichthändig ab. Das Klagenfurter Stadttheater hat für diese notwendige Uraufführung in sein unterirdisches Studio gebeten: kein Misston im Vorfeld übrigens, aber auch kein Stadttheaterintendant - weit und breit. Der probt wohl schon für einen Musical-Schmachtfetzen auf der Seebühne.

Gerd Kunath, ein gelenkes Männchen mit Seitenscheitel, kost förmlich die Erinnerungsteile, die er mit dem Diaprojektor ungefragt wachruft: Da, wie das Pflaster unter dem Marschtritt der SA kasnudelsauber glänzt! Hier, das Stadttheater als "Grenzlandtheater" im frohen Kriegswinter des Jahres Schnee!

Die Zuschauer umsitzen den beamteten Kobold in einer Art Lärchenholzstube, würgend an dem Fett, dass dieser Herr Karawanken-Karl in Sprechschwarten vor ihnen erinnernd auslegt. Regisseurin Vera Sturm hat sich ganz auf die Mittel des wackeren Gerd Kunath verlassen; der maunzt, zäh schwitzend, und erzählt die Geschichte jener Kärntner SS-Schranzen nach, die im Vernichtungswerk der Nazis eine so prominente Rolle spielten.

"Wissen Sie auch nicht, was?" rülpst Kunath den mutmaßlichen Adressaten (Bernhard Hackmann) um Erinnerung heischend an. Und er könnte inmitten seiner Aktendeckel ein Schmetterlingssammler sein, ein Famulant der Tötungswissenschaften - oder ein Laffe aus unserer Gegenwart.
Hackmann ("B"): Er dröhnt, blond und blass und abwehrend, im Karree. Er spuckt das Gehörte förmlich aus, und er sagt es, zettelverbrennend und ballspielend und Kunath-nachäffend, einfach wieder ab: "Nicht abendfüllend!" Eine der wichtigsten abendfüllenden Produktionen der laufenden Theatersaison: verwunschen. Und größter Reiseanstrengungen wert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2001)

Von
Ronald Pohl

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