Klumpen im Nervensystem

30. Mai 2001, 15:43
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Eine ehemals bedeutungslose Sparte der Neuro-Wissenschaften steht im Zentrum ungeahnten öffentlichen Interesses

Seit in den achtziger Jahren die ersten Rinder umkippten, steht die Prionen-Forschung, die davor eine interessante aber praktisch bedeutungslose Sparte der Neuro-Wissenschaften war, im Zentrum ungeahnten öffentlichen Interesses. Denn was zuvor nur Schafe und in ganz, ganz seltenen Fällen auch einmal Menschen betraf, wurde plötzlich als Bedrohung für die gesamte Bevölkerung erkannt. Prionen, das sind bestimmte Eiweißverbindungen, die in jedem gesunden Organismus vorkommen. Jedes Prion hat einen kompliziert gefalteten Aubau. Und diese Faltung kann sich aus bisher unbekannten Gründen verändern. Ebenso wie aus einem kunstvollen Papierflieger eben auch ein Papierknäuel werden kann, ohne dass sich am Papier selbst etwas verändert. Und ebenso wie ein Papierknäuel nicht fliegt, haben krankhaft gefaltete Prionen fatale Auswirkungen. Sie bilden Klumpen im Nervensystem und zerstören innerhalb weniger Monate bis Jahre das Gehirn. Beim Rind ebenso wie beim Menschen.

In seltenen Fällen kommt es spontan zu diesem Prozess. So entsteht beim Menschen die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit, die innerhalb weniger Monate zum geistigen und körperlichen Verfall und schließlich zum Tod führt. Das alleine wäre schon mysteriös genug. Doch die Wissenschaft entdeckte, dass Prionen-Krankheiten auch ansteckend sein können. So holten sich beispielsweise Kannibalen auf Papua-Neuguinea beim rituellen Verzehr ihrer verstorbenen Verwandten eine Prionen-Krankheit namens Kuru und in Europa wurden Fälle bekannt, in denen die Kreutzfeldt-Jacob-Krankheit durch verunreinigtes Gehirn-Operationsbesteck übertragen wurde. Auch bei den Schafen mehrten sich die Verdachtsmomente, dass die Prionen-Krankheit Scrapie ansteckend sein dürfte. Doch die Angelegenheit wurde noch mysteriöser: Es konnte kein Virus oder Bakterium für die Übertragung verantwortlich gemacht werden. Heute ist die große Mehrzahl der Experten der Meinung, dass die krankhaft gefalteten Prionen selbst der Erreger sind. Doch immerhin fand man keine Hinweise auf eine Übertragung der Scrapie auf Menschen und so ging man bis vor wenigen Jahren noch davon aus, dass die Gefährlichkeit dieser Erreger im wesentlichen immer auf ein und dieselbe Art beschränkt bleibt. Dass diese Annahme falsch war, erkannte man erst 1995 als erstmals bei Menschen die "neue Variante" der Creutzfeldt-Jacob-Krankheit auftrat. (mymed.cc)

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