BSE kommt nicht vom Schaf

30. Mai 2001, 15:43
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... wie ursprünglich gedacht: ein voreiliger Schluss mit fatalen Folgen

Mit dem Auftreten der ersten BSE-Fälle im England der achtziger Jahre begann die fieberhafte Suche nach dem Ursprung der Krankheit. "Man ist damals sehr schnell davon ausgegangen, dass die Übertragung durch Tiermehl erfolgt und schloss weiter, dass BSE ursprünglich vom Schaf auf das Rind übertragen wurde", sagt der Londoner Prionen-Experte Charles Weissmann. Ein voreiliger Schluss mit fatalen Folgen, wie man heute weiß.

Bei Schafen gab es schon immer eine ähnliche Erkrankung namens Scrapie und zunächst meinten die Forscher, BSE sei nichts anders als eben die Rinder-Variante von Scrapie. Weissmann: "Man hat sich da zuerst einmal nicht allzu viel Sorgen gemacht. Denn Scrapie gab es schon immer, Schafe wurden schon immer gegessen und nichts deutet darauf hin, dass Scrapie durch Schaffleisch auf Menschen übertragen werden kann". Deshalb hielt man auch die BSE-Übertragung auf den Menschen zunächst für ausgeschlossen. Unheimlich wurde die Sache jedoch, als Anfang der neunziger Jahre verschiedene Zootiere wie Löwen und Tiger, sowie Hauskatzen erkrankten und starben. Langsam setzte sich die Meinung durch, dass man es hier doch mit einer völlig neuartigen Krankheit zu tun hat, bis es 1995 schreckliche Gewissheit war: Menschen können an der sogenannten "neuen Variante" der Creutzfeldt-Jacob-Krankheit erkranken, die nach heutigem Wissenstand mit allergrößter Sicherheit nichts anderes ist als die menschliche Form des Rinderwahnsinns BSE.

Die Schafhypothese ist so gut wie tot, weil sie sowohl klinischen als auch experimentellen Beobachtungen widerspricht. "Wir meinen heute, dass es BSE bei Rindern schon immer gegeben hat", sagt Weissmann. Nur eben sehr selten, etwa so wie beim Menschen die Creutzfeldt-Jacob-Krankheit immer schon pro Jahr durchschnittlich ein bis zwei Menschen aus einer Million befällt. Erkranken ein bis zwei aus einer Million Rinder, so fällt das niemandem auf. "Eine so seltene Krankheit wird in der Veterinärmedizin nicht diagnostiziert", sagt dazu die französische Tierärztin und Neurobiologin Corinne Lasmezas und der Wiener Neuropathologe Herbert Butka verweist auf ein altägyptisches Fries aus einem Pharaonen-Grab, auf dem Rinder in den für BSE typischen Verrenkungen dargestellt werden. Irgendwann dürfte jedenfalls, so meint die überwiegende Mehrzahl der Prionen-Forscher heute, so ein erkranktes Rind ins Tiermehl gelangt sein und die Initialzündung zu einer verheerenden Ausbreitung des Erregers gegeben haben. Man vermutet, dass das bereits in den siebziger Jahren, also rund ein Jahrzehnt vor der Entdeckung der Krankheit passiert ist.

Diagnostiziert wurde die Krankheit allein in Großbritannien bei rund 180.000 Rindern. Doch die Berechnungen der Epidemiologen sehen noch unerfreulicher aus. Sie rechnen allein für Großbritannien mit einer Dunkelziffer von mehr als 900.000 unerkannten BSE-Rindern, wie in den 70er und 80er Jahren ihren Weg in die Schlachthöfe und weiter in die Nahrungskette nahmen.

Und selbst nach Bekanntwerden der Krankheit scheiterten Diagnosen vermutlich oft an mangelnder Kooperationsbereitschaft der Bauern, die um ihre Herden fürchteten, und leider häufig auch der Tierärzte. Corinne Lasmezas ist überzeugt, dass in Frankreich zahlreiche BSE-Fälle übersehen und fehldiagnostiziert wurden und die Schweizer Tierseuchen-Expertin Dagmar Heim vermutet dahinter durchaus auch böse Absicht: "Als wir in der Schweiz Tierärzten, die BSE-Verdachtsfälle nicht melden, strenge Strafen angedroht haben, ist es ganz plötzlich zu einem dramatischen Anstieg der Meldungen gekommen. Und viele dieser Tiere hatten tatsächlich BSE." (mymed.cc)

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