Wie viele Menschen wird es treffen?

14. Mai 2001, 16:08
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"Wir können es nicht einmal schätzen"

Knapp hundert Menschen sind seit 1995 an der neuen Variante der Creutzfeld-Jacob-Krankheit, der menschlichen Form des Rinderwahnsinns BSE, verstorben. Fast alle Opfer lebten in England, wo die Krankheit ihren Ursprung nahm. Wie viele Opfer wird die geheimnisvolle Seuche noch fordern? "Wir können es nicht einmal schätzen", sagt dazu der Wiener Neuropathologe Herbert Butka. Manche seiner Kollegen haben diese Schätzung versucht. Ihre Angaben schwanken zwischen einigen hundert und einigen hunderttausend menschlichen BSE-Opfern. Besonders pessimistische BSE-Forscher befürchten unterdessen, dass es neben dem Genuss von verseuchtem Rindfleisch noch andere Übertragungswege geben könnte.

Alle Versuche, die möglicherweise auf uns zukommende Katastrophe abzuschätzen, haben gleich mehrere Schwachpunkte. Ein Hauptproblem ist die Inkubationszeit. Niemand kann sagen, wie viele Jahre es dauert, bis ein Menschen, der sich mit dem BSE-Erreger infiziert, tatsächlich krank wird. Nach den Erfahrungen mit der verwandten Kuru-Krankheit, die auf Papua-Neuguinea durch rituellen Kannibalismus verbreitet wurde, könnte diese Zeitspanne bis zu vierzig Jahre betragen. In diesem Fall würden wir tatsächlich erst die Spitze des Eisberges sehen und müssten uns auf eine Flut von Creutzfeldt-Jacob-Fällen in rund zwanzig Jahren einstellen. Auch ist weder bekannt, wie viel infektiöses Material jemand zu sich genommen haben muss um krank zu werden, beziehungsweise wer überhaupt erkranken könnte. Unter den bisher bekannten menschlichen BSE-Opfern hatten alle eine bestimmte Gen-Variante, die bei rund 40 Prozent der Bevölkerung vorkommt. Nun bleibt die Frage: Erkranken Menschen mit anderem genetischen Hintergrund gar nicht oder nur einige Zeit später? Auch auf diese Frage gibt es nach derzeitigem Stand der Forschung keine Antwort.

Nach Schätzungen wurden alleine in Großbritannien rund 900.000 infizierte Rinder gegessen. Dennoch bleibt die Frage, wie viel infektiöses Material tatsächlich in die Nahrungskette gelangt ist, ungeklärt. Die französische Tierärztin und Neurobiologin Corinne Lasmezas konnte in Tierexperimenten zeigen, dass infizierte Rinder erst wenige Monate vor dem Ausbruch der Krankheit selbst ansteckend werden und den Erreger also viele Jahre in so kleinen Mengen im Körper tragen, dass es nicht möglich ist, damit andere Tiere zu infizieren. Wie viele ansteckende BSE-Rinder gegessen wurden ist also ebenfalls unklar. Hoffnungen, dass es vielleicht doch nicht allzu viele waren, dämpft der Münchner Prionen-Forscher Stefan Weiss: "In Deutschland wurden sicherlich viele Fälle von BSE nicht erkannt. Mit stimulierenden Medikamenten lässt sich leider bei einer BSE-kranken Kuh eine kurzfristige Besserung der Symptome erzielen. Wir können also vermuten, dass zahlreiche Kühe so behandelt und an den Schlachthof verkauft wurden." Diese Tiere wären mit Sicherheit hochinfektiös.

Doch Corinne Lasmezas hat eine noch beunruhigendere Entdeckung gemacht. Sie konnte zeigen, dass sich der BSE beim Wechsel von einer Art in eine andere verändert. Infiziert man Mäuse mit Gehirngewebe von BSE-Rindern, so vergeht eine bestimmte Zeit, bis die Mäuse krank werden und sterben. Wenn man jedoch mit dem Hirngewebe dieser Mäuse den Erreger auf andere Mäuse überträgt, dauert es bis zur Erkrankung nur mehr halb so lange. Die BSE-Prionen werden offenbar gefährlicher für Mäuse, wenn sie einmal in Mäusegehirnen sind. Mit solchen Prionen gelang auch die Infektion über die Blutbahn. Kann BSE also durch infiziertes Blut übertragen werden. Corinne Lasmezas: "Ich kann es noch nicht beweisen, aber ich befürchte es, denn es wäre sehr schwierig, mit dieser Situation umzugehen." Sicherheitshalber lassen bereits jetzt viele Länder Briten und alle, die eine bestimmte Zeit in Großbritannien gelebt haben, nicht mehr als Blutspender zu. Hermann Schaetzl vom Max von Pettenkofer-Institut in München merkt dazu sarkastisch an: "In Anbetracht der Situation sollten wir langsam die Implementierung von Vorsorge und Therapie andenken." (mymed.cc)

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