Prionen-Forschung: Die Dissidenten

14. Mai 2001, 15:55
posten

Mit einem alternativen Erreger können jedoch auch diese Forscher zur Zeit nicht aufwarten

Für die überwiegende Mehrzahl der BSE- und Creutzfeldt-Jacob-Forscher steht heute fest, dass krankhaft veränderte Proteine, sogenannte Prionen, die Krankheit verursachen. Doch wie in jedem anderen Gebiet der Wissenschaft formiert sich auch hier eine Gruppe von Dissidenten. Für sie ist die Prionenhypothese noch keinesfalls bewiesen. Mit einem alternativen Erreger können jedoch auch diese Forscher zur Zeit nicht aufwarten.

"Wenn die Prionen-Hypothese einmal schlüssig bewiesen werden kann, bin ich der erste, der ihren Anhängern Blumen schickt und sich entschuldigt", sagt der deutsche Biochemiker und Viren-Forscher Heino Dieringer. Er gehört zu jenen Wissenschaftlern, die der Prionen-Theorie von Anfang an nichts abgewinnen konnten. Sein Argument: BSE verhält sich in vielerlei Hinsicht wie eine Virus-Infektion. Deshalb solle man lieber davon ausgehen, dass man es mit einem Virus zu tun hat. Und das so lange, bis wirklich schlüssig bewiesen ist, dass krankhaft gefaltete Prionen selbst der Erreger und nicht nur ein Symptom der Prionen-Krankheiten sind. Gefunden hat er das Virus bis jetzt noch nicht. Was laut Dieringer allerdings auch daran liegen könnte, dass der BSE-Erreger vielleicht ein sehr weit verbreitetes, überall anzutreffendes Virus ist, das eben nur in manchen Fällen und unter bestimmten Umständen zur krankhaften Umfaltung der Prionen führt. Als stärkstes Argument auf Seiten der Prionen-Gegner sieht er die Richtigkeit seiner Prognosen. Seine Vorhersagen betreffend Ausbreitung der Krankheit hätten sich präzise erfüllt. Laura Manuelidis von der Yale University hält ebenfalls wenig von der Prionen-Theorie. Sie verweist darauf, dass für die Übertragungsexperimente immer Hirn-Extrakt erkrankter Tiere verwendet würde. Und dieser enthielte neben Prionen immer auch anderes Material, darunter auch Bruchstücke von Viren.

Die Mehrzahl der BSE-Forscher hält dem jedoch entgegen, dass bei BSE-Erkrankungen keine besonderen Antikörper und auch keine überdurchschnittliche Aktivität des Immunsystems festgestellt werden könne. Auch seien gentechnisch veränderte Versuchtiere mit defektem Immunsystem nicht leichter, sondern eher schwerer infizierbar als gesunde Tiere. Dies würde der Virus-Hypothese widersprechen, weil das Immunsystem in irgendeiner Weise auf eine Viren-Infektion reagieren müsse. Auch passe die vermutete Inkubationszeit von 20 bis 40 Jahren schlecht zu einer Virus-Krankheit. Für die Mehrzahl der mit BSE beschäftigten Wissenschaftler weisen die bekannten Fakten klar in eine Richtung: Mit den sogenannten Prionen-Krankheiten haben wir es mit einem bisher völlig unbekannten Typ von Infektion zu tun, der der Forschung in den nächsten Jahren noch Rätsel über Rätsel aufgeben wird. Und für die gesamte Menschheit bleibt zu hoffen, dass dieser Typ von Erkrankung nicht mit einer medizinischen Katastrophe ungeahnten Ausmaßes in die Wissenschaftsgeschichte eintritt. (mymed.cc)

Share if you care.