Neuer Greenpeace-Chef kündigt der Regierung eine "härtere Gangart" an

16. Mai 2001, 13:42
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"Gegen diese Scheinpolitik werden wir auf allen Ebenen mobilisieren"

Wien - Der neue Geschäftsführer von Greenpeace Österreich, Bernhard Drumel, ist bereits seit 1. Mai in Amt und Würden - nun wurde der Jurist und ehemalige Programmleiter des WWF bei einem Pressegespräch in der Greenpeace-Zentrale in Wien-Margareten auch der Öffentlichkeit vorgestellt. Für die nächste Zeit sehe Drumel die Intensivierung der Kampagnen in Osteuropa als zentrale Herausforderung der Umweltschutzorganisation. Weiters möchte der 37-jährige gebürtige Kärntner die Gangart gegenüber Politik und Industrie verschärfen. Drumel folgt als Geschäftsführer auf Ulrike Schelander, die ihr Amt bereits vor einem Dreiviertel Jahr zurücklegte.

"Medienshow ohne reale Taten"

"Die Politik der Bundesregierung verkommt immer mehr zu einer Medienshow ohne reale Taten - wie die Alibihandlungen der Bundesregierung gegen Temelin oder das Beklagen der Klimapolitik von US-Präsident George W. Bush bei gleichzeitiger Untätigkeit im eigenen Land deutlich zeigen. Gegen diese Scheinpolitik werden wir auf allen Ebenen mobilisieren", erklärte Drumel. Das Engagement in Osteuropa werde in den kommenden Monaten intensiviert, man trete gemeinsam mit den dortigen Organisationen für mehr Umweltbewusstsein ein.

In Sachen Temelin wurde die Wiener Zentrale von Greenpeace International mit der Entwicklung und Umsetzung von Umweltschutz-Kampagnen in den Ländern Mittel- und Osteuropas betraut. Als nächste Schritte nannte Drumel neben dem Aufbau von Kooperations-Netzwerken mit osteuropäischen Umweltgruppen eine Kampagne gegen Atomtransporte nach Temelin durch Polen.

"Umweltzeitbombe"

"Osteuropa ist nach wie vor eine Umweltzeitbombe. Drei der gefährlichsten Atomreaktoren der Welt (Bohunice in Tschechien, Ignalina in Litauen und Kosloduj in Bulgarien) sind in dieser Region noch immer in Betrieb", meinte Drumel. Etliche Orte in Polen sowie Rumänien und Bulgarien seien "ökologischen Notstandgebiete". Giftige Einleiter verschmutzen die Flüsse, und Industrieschlote verpesten die Luft, so der 37-Jährige.

Der neue Greenpeace-Chef kritisierte zudem, dass die im vergangenen Jahr von der Bundesregierung beschlossene Herkunfts-Kennzeichnung von Strom vor dem Aus stehe. "Es ist unfassbar, dass den Stromkunden die Wahlmöglichkeit zwischen Atomstrom und Ökostrom wieder genommen wird." Statt einer lückenlosen Herkunftszertifizierung wollen die Länder eine Alibi-Kennzeichnung einführen, die es den Atomstromkonzernen leicht macht, die Importe aus Tschechien hinter der vagen Bezeichnung "EU-Strom" verstecken zu können, meinte Drumel.

Der Greenpeace-Geschäftsführer rief im Namen der Umweltschutzorganisation die privaten Stromkunden auf, sich vom so genannten Temelin-Strom "abzumelden". Demnach sollen die Konsumenten ihren Stromversorgern die Kündigung des Vertrages androhen, sollten diese nicht gewährleisten, dass sie jegliche direkten und indirekten Stromimporte aus Tschechien und somit auch aus Temelin aus ihrem Strom-Mix verbannen.

Whatever happened to the Gentechnik-Volksbegehren?

Als weiteres Beispiel für das Nicht-vorhanden-sein der Umweltpolitik in Österreich zeigte Geschäftsführer Bernhard Drumel das Gentechnik-Volksbegehren auf, das vor vier Jahren u.a. auch von Greenpeace initiiert wurde. "Mehr als 1,2 Millionen Unterschriften lassen die Bundesregierung kalt", meinte Drumel. Obwohl Gesundheitsminister Herbert Haupt (F) im Jahr 1996 als Oppositionspolitiker noch heftig gegen Gentech-Soja-Importe aufgetreten sei, wolle er nun gegen den steigenden Anteil von Gentech-Soja im Tierfutter nichts unternehmen.

Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer (V), der eigentlich für diese Thema zuständig sei, habe wiederum eine EU-weite Futtermittelkennzeichnung gefordert anstatt sie in Österreich selber einzuführen. "Es bietet sich das bekannte Bild: Reden statt Handeln", sagte Drumel. Greenpeace habe z.B. bewirkt, dass dem Wunsch der Konsumenten nach gentechnikfreien Produkten nachgekommen werde, denn der Futtermittelerzeuger "Agra Tagger" und einige Supermärkte würden auf eine gentechnikfreie Linie umschwenken. "Greenpeace erledigt eigentlich den Job der Politik", betonte Drumel.

Klima-Versager

Auch die österreichische Klimapolitik bezeichnete der Geschäftsführer als Beweis für das Versagen der Bundesregierung. "Die Regierung beschränkt sich auf Öko-Rhetorik und tut nichts, um in Österreich die Klimaschutzverpflichtungen umzusetzen", betonte der 37-Jährige. Molterer beklage zwar die Rückschritte der Bush-Administration in den USA, habe aber noch keinerlei Maßnahmen gesetzt, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren. So soll laut Greenpeace Finanzminister Karl-Heinz Grasser (F) die zusätzlichen Mittel für die Umsetzung des Kyoto-Pakets von 1,4 Milliarden auf 200 Millionen Schilling zusammengestrichen haben. Fazit sei, dass die CO2-Emissionen in Österreich seit 1990 um acht Prozent angestiegen seien. "Das Kyoto-Ziel sieht aber minus 13 Prozent bis 2010 vor", so Drumel.

"Druck auf die Politiker auszuüben reicht also nicht - es geht auch darum, die Machenschaften der Lobbys aufzuzeigen und das Verhalten der Konzerne zu verändern", erklärte der neue Chef der Umweltschutzorganisation. "Greenpeace International ruft die Konsumenten daher zum Boykott des Ölmultis Esso auf, der maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass die USA Maßnahmen gegen den Klimawandel blockieren", sagte Drumel. (APA)

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