Jürgen Hubbert: "Eine Schande"

15. Mai 2001, 12:08
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Die Ferrari-Taktik erhitzt die Gemüter, Schumacher versteht die Aufregung nicht

Spielberg - Es war eine Aktion, die Gemüter weit mehr erregte als jedes Überholmanöver in dem Rennen, als jede Boxentaktik. Die Stallregie von Ferrari beim Großen Preis von Österreich in Spielberg am Sonntag, zu der sich Rubens Barrichello letztlich sichtlich widerwillig bekannte, spaltet die Formel 1. Die Einen verteidigen sie natürlich vehement, die Anderen sprechen gar von Betrug am Sport und an den Zuschauern. Am bissigsten war DaimlerChrysler-Vorstand Jürgen Hubbert: "Wenn man den Sport kastriert, ist er vielleicht eines Tages nicht mehr interessant."

"Eine Schande"

"Es ist doch eine Schande, dass einer, der ein fantastisches Rennen gefahren ist, keine Belohnung dafür bekommt", sagte Hubbert, der unterstrich, dass es bei McLaren-Mercedes nach wie vor keinen Grund gebe, ebenfalls alles auf David Coulthard zu konzentrieren. Sogar, wenn Mika Häkkinen bereits 38 Punkte hinter Schumacher und 34 hinter seinem Teamkollegen liegt. "Ihn kann man nie abschreiben. Kein Mensch kann normal so viel Pech haben wie er - und er wird in der WM noch eine entscheidende Rolle spielen. Vielleicht für das Team, vielleicht für sich selbst."

Genau in diesem Punkt ist Schumacher aber anderer Meinung. Und deshalb verteidigte er die Entscheidung von Ferrari vehement. Trotzdem ging die italienische Presse hart ins Gericht mit der "Scuderia". "Dieser Schwindel war ein Eigentor", meinte etwa der "Corriere dello Sport" und in "La Repubblica" wurde Schumacher gar als "Marionettenspieler" und Barrichello als dessen "Marionette" bezeichnen.

"Eine richtige Entscheidung"

"Schumi" konnte Aufregung und Schelte nicht verstehen - und wandte noch am Sonntag viel Zeit auf, um die Sache zu rechtfertigen. Wie auch Rennleiter Jean Todt. "Es war keine harte, sondern eine richtige Entscheidung. Und ohne die Aktion von Montoya hätte Schumacher das Rennen ohnehin gewonnen." Dass Barrichello nun enttäuscht sei, sei aber trotzdem "normal".

Schumacher machte deutlich, dass auch er schon in dieser Situation gewesen sei. Etwa 1999, als er nach seiner Verletzungspause für Irvine hatte arbeiten müssen. "Es ist normal, sich dem Team unterzuordnen. Und ich bin bei Ferrari derjenige, der um die Weltmeisterschaft fährt. Ich bin mir sicher, dass auch McLaren nach diesem Rennen anders reagiert. Es ist doch klar, wen sie ab jetzt ins Titelrennen schicken werden." Deshalb rechne er damit, dass in Zukunft auch bei den "Silberpfeilen" die Richtung geändert wird.

"Zuviel auf dem Spiel"

"Es steht zu viel auf dem Spiel. Sogar diese zwei Punkte heute können am Ende die WM bedeuten", betonte Schumacher. Und er könnte Recht damit behalten, denn David Coulthard scheint in diesem Jahr gereift. Der Schotte ist der Einzige, der heuer in allen Grand Prix Punkte machte. Zwei Siege hat er auf dem Konto, in Barcelona fuhr er sogar vom letzten Startplatz auf Platz fünf, sonst war "DC" immer auf dem Podest zu finden. Auch in Spielberg träumte er selbst nach dem völlig verpatzten Qualifying vom Sieg, obwohl nur wenige auf die McLaren gesetzt hatten.

Auf Teamchef-Ebene schwankten ebenso die Meinungen in puncto Stallorder. Während Niki Lauda und Gerhard Berger die Entscheidung verstanden, war etwa Alain Prost völlig anderer Meinung. "Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir eine Teamorder sehen. Aber so wie das Rennen gelaufen ist, hätte ich mich an Schumachers Stelle geweigert, Barrichello zu überholen." Für Berger aber steht fest: "Barrichello hat keine Chance auf den WM-Titel. Daher ist es logisch, dass man Opfer erwartet." (APA)

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Michael Schumacher im Interview auf sport1.de:
"Es geht um viel Geld, und am Ende zählt nur der WM-Titel"

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