Dankbar für Impfungen

14. Mai 2001, 12:13
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Peter Zauner arbeitet für "Ärzte ohne Grenzen" als Logistiker im Südwesten Äthipiens, der im Meningitis-Gürtel liegt

Es hat hier selten unter 48 Grad. Unser Geländewagen holpert über die mit Schlaglöchern übersäte Schotterstraße, Staub dringt durch jede Ritze. So weit das Auge reicht erstreckt sich ausgedörrtes Land, Buschwerk, ab und zu ein Raubvogel, keine Menschenseele. Wir sind auf dem Weg nach Birhane Selam, wo wir ein Team - bestehend aus drei äthiopischen Krankenpflegern - abholen wollen, das die letzten zwei Tage dort verbracht hat, um die Dorfbewohner gegen Meningitis zu impfen. Unser Ziel in der Region ist es, 70 Prozent der Bewohner im Alter von zwei bis 30 Jahren zu impfen, rund 300.000 Menschen leben hier.

Verlassene Grashütten markieren die Stelle, wo wir von der Straße abbiegen müssen. Der Weg, dem wir jetzt folgen, ist nicht mehr als ein Trampelpfad. Als wir das erste Grashüttendorf erreichen, stellt sich heraus, dass Birhane Selam nicht ein Dorf ist, sondern dass das ganze Gebiet mit einer Unzahl kleiner Ansiedlungen Birhane Selam heißt.

Ein Bub will uns zeigen, wo das Impfteam steckt. An seinen großen Augen erkenne ich, dass ihn die Fahrt in unserem Auto begeistert. Wir treffen Tekle, Simon und Mamush, das Impfteam, in einer Ansiedlung, bewohnt von Nomaden, die ihren Rinderherden folgen. Jetzt, am Ende der Trockenzeit, ist Wasser nur noch hier entlang des Baro-Flusses zu finden.

Binnen Sekunden sind wir von der ganzen Dorfbevölkerung umringt. Ein Weißer, noch dazu einer, der in einem Auto kommt, ist eine große Attraktion. Tekle, Simon und Mamush haben in den letzten beiden Tagen in diesem Gebiet 900 Bewohner geimpft. Jetzt laden sie den restlichen Impfstoff, der stets kühl gehalten werden muss, zusammen mit Eisblocks in Kühlboxen. Als es ans Einsteigen geht, wollen sie die dreizehn lebenden Hühner ins Auto verfrachten, die ihnen dankbare Dorfbewohner geschenkt haben. Vergeblich, zu wenig Platz. Unser nächstes Ziel ist ein Dorf namens Watgatch. Tekle, Simon und Mamush sollen die nächsten ein bis zwei Tage dort verbringen und die 500 Einwohner impfen. Doch wir können das Dorf in der Weite des Buschlandes nicht finden.

Als wir abends müde, durstig und voller Staub in Gambella, der Provinzhauptstadt, ankommen, frage ich mich, ob sich die Mühe des Tages gelohnt hat. Die Antwort ist klar: 900 Leuten wird die aktuelle Meningitis-Epidemie hoffentlich nichts anhaben können. Wir haben ihre Dankbarkeit gespürt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.5.2001)

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