Gesundheitsgefahr Marathon?

21. Mai 2001, 11:29
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Am kommenden Sonntag werden weit über 10.000 Läufer zum Start des Vienna City Marathons erwartet. Sportarzt Dr. Reinhard Feßl vom Österreichischen Institut für Sportmedizin in Wien beantwortet die Frage, wie groß das Gesundheitsrisiko ist, dem sich die Teilnehmer aussetzen. Im Vorjahr führten die Sanitäter und Notärzte vom Arbeiter Samariter Bund insgesamt 374 Einsätze durch. 325 mal wurden leichte Beschwerden oder Verletzungen wie Krämpfe oder Abschürfungen behandelt, 49 mal ernste Zwischenfälle wie Kreislaufzusammenbrüche oder schwere Erschöpfungssymptome. 13 Läufer mussten anschließend in Krankenhäusern weiterbehandelt werden.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Dr. Feßl, Sie selbst ziehen das Rennradfahren dem Laufen vor. Können Sie nachvollziehen, was in Menschen vorgeht, die freiwillig und möglichst ohne anzuhalten 42,195 Kilometer laufen?

Feßl: Es ist richtig, dass mir persönlich das Radfahren mehr liegt. Aber Laufen ist nun einmal die natürlichste Bewegung des Menschen. Man braucht keine technischen Hilfsmittel dazu, und es macht einem von Kindesbeinen an Spaß. Viele Leute fangen nach einigen Jahren der Sport-Abstinenz wieder mit dem Laufen an. Und in einigen dieser Hobbyläufer entsteht aus Begeisterung der Wunsch, zumindest einmal im Leben einen Marathon zu laufen. Das ist einfach ein Mythos, dafür gibt es keine vernünftige Erklärung.

Mymed: Als Sportmediziner erstellen Sie Leistungsdiagnosen bei Spitzensportlern und Hobbyläufern. Was spielt sich während eines Marathons im Körper des Menschen ab?

Feßl: Zwei Prozesse laufen auf Hochtouren: Energie bereitstellen und Wärme abführen. Mit dem Energieverbrauch sinkt der Blutzuckerspiegel, und mit dem Schweiß, den der Körper zur Kühlung produziert, kommt es zu einem Wasser- und Elektrolytverlust. Dadurch sinkt der Blutdruck, das Blut wird zähflüssiger und strömt langsamer durch die Blutgefäße. Zwei Prozent Flüssigkeitsverlust - das entspricht etwa eineinhalb Liter Wasser - führen zu einem Leistungsverlust von 20 Prozent.

Mymed: Welche Konsequenzen kann das im schlimmsten Fall haben?

Feßl: Der Mineralverlust kann schmerzhafte Krämpfe verursachen, die den Läufer stoppen und damit meist schlimmere Schäden verhindern. Weiters kann es zu einem Kreislaufzusammenbruch kommen, bei dem der Körper sozusagen auf Notbetrieb schaltet. Die Betroffenen erleben Schwindelgefühle und verlieren manchmal sogar das Bewusstsein. Sie erholen sich davon aber meistens relativ rasch und können in der Regel nach der Erstversorgung noch am gleichen Tag nach Hause gehen. Im Extremfall entstehen durch den Flüssigkeitsverlust Blutgerinnsel in den Gefäßen, die sich lösen und zum Herzen wandern. Von dort werden sie in den Lungenkreislauf geschleudert und können einen Lungeninfarkt verursachen. Diese Komplikation geht in 50 Prozent aller Fälle tödlich aus.

Mymed: Wie kann man dem vorbeugen?

Feßl: Die wichtigste Regel lautet: Immer genug Trinken während des Laufens. Am besten eignen sich dafür Elektrolytgetränke, die gleichzeitig den Wasser- und Salzverlust ausgleichen. Reines Wasser trinken bringt nicht viel. Bei 15 Grad Außentemperatur rechnet man mit einem Flüssigkeitsbedarf von etwa einem Liter pro Stunde, bei höheren Temperaturen mit entsprechend mehr. Um den Energiebedarf von etwa 1000 Kalorien pro Stunde auszugleichen, sollte zusätzlich auch gegessen werden. Dazu eignen sich Frucht-, Müsli- oder Schokoriegel, aber auch Bananen. Manche Läufer schwören auf trockenes Brot oder auf selbst gebackenen Reiskuchen. Da gibt es einen großen Spielraum für individuelle Rezepte.

Mymed: Wie stark werden Sehnen und Gelenke bei einem Marathonlauf strapaziert?

Feßl: Da die meisten Marathons auf asphaltierten Straßen gelaufen werden, ist die Belastung selbst mit optimalem Schuhwerk für Sehnen, Bänder und Gelenke enorm. Nach einem Marathon sollte man seinem Körper etwa 10 bis 14 Tage Zeit zur Reparatur der Schäden lassen. Es gibt aber Läufer, die wollen keinen Marathon auslassen. Meiner Meinung nach sollte man seinem Körper nicht mehr als zwei Marathons pro Jahr zumuten, um keine Dauerschäden zu riskieren.

Mymed: Kann ein Marathonlauf tatsächlich auch das Immunsystem schwächen?

Feßl: Es kommt ganz darauf an, wie sehr man sich dabei körperlich verausgabt. Wer bis zur Grenze seiner Erschöpfung läuft, muss damit rechnen, dass seine Immunabwehr noch einige Tage nach dem Lauf nicht auf vollen Touren arbeitet. Auch die Tatsache, dass bei einem Stadtmarathon Läufer aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und unter Umständen exotische Viren und Bakterien mitbringen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, sich mit einem grippalen Infekt oder mit einer Durchfallerkrankung anzustecken.

Mymed: Wer sollte Ihrer Meinung nach lieber nicht an einem Marathon teilnehmen?

Feßl: Ich habe schon Kinder mit 10 oder 12 Jahren gesehen, die offensichtlich von ihren Eltern zur Teilnahme überredet worden sind. Das finde ich weniger aus körperlicher als aus psychologischer Sicht bedenklich. Außerdem sollten Frauen ab dem dritten Schwangerschaftsmonat, sowie stark übergewichtige Läufer und Menschen mit bestimmten Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herz-Kreislaufbeschwerden nicht an einem Marathon teilnehmen. Für Diabetiker ist ein Marathon kein Problem. Asthmatiker sollten ihre Spray auf jeden Fall dabei haben. Alle Läufer, die über 40 Jahre alt sind, sollten vorher sicherheitshalber einen Gesundheitscheck absolvieren. Das kann man auch von einem guten Hausarzt machen lassen.

Mymed: Kann das Langstreckenlaufen tatsächlich süchtig machen, oder ist das eine Legende?

Feßl: Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass beim Laufen im Gehirn Endorphine, die sogenannten Glücksbotenstoffe, freigesetzt werden. Wer diesen Kick einmal erlebt hat, will ihn gerne auch öfter erleben. Der Unterschied zu einer Abhängigkeit von Rauschmitteln besteht vor allem darin, dass man keine körperlichen Entzugserscheinungen hat, wenn man ein paar Tage Pause einlegt.

Mymed: Herr Dr. Feßl, wir danken für das Gespräch!



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  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
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