"Ergebnisse von Gentests können falsch interpretiert und zur sozialen Ausgrenzung missbraucht werden"

16. Mai 2001, 11:43
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Forscher warnen vor einem Gen-Check

Wien - "Ergebnisse von Gentests können falsch interpretiert und zur sozialen Ausgrenzung missbraucht werden", warnte gestern Ségolène Aymé von der Europäischen Gesellschaft für Humangenetik (ESHG) auf dem 10. Internationalen Kongress für Humangenetik, der bis Samstag über 4000 Wissenschafter im Wiener Austria Center versammelt.

Die Veranlagung zu einer bestimmten Krankheit frühzeitig zu erkennen könne zwar sehr nützlich sein, meinte die Genetikerin. Doch "vielfach gibt es noch keine Therapie oder Vorbeugemaßnahme", so Aymé. Patienten fragten aber bereits zunehmend nach derartigen Prognosen. "Ist es wirklich wichtig für Sie zu wissen, dass Sie eine leicht erhöhte, aber immer noch geringe Wahrscheinlichkeit haben, an Schizophrenie zu erkranken?", fragte demgegenüber Jean-Louis Mandel, Molekulargenetiker an der Universität Straßburg,

Als besonders wissbegierig könnten sich manche Versicherungen erweisen - in Deutschland läuft ein Pilotprojekt. "Kosten einzusparen ist für die Regierung oder das private Gesundheitssystem ein Kriterium für den Einsatz solcher Tests", räumt Aymé ein. Nachsatz: "Aber sicher nicht das einzige! Die Leute sollten nie zu einem Test gezwungen werden. Wir empfehlen, dass Tests nur zugelassen werden, wenn für den Patienten der Sinn und Zweck nachvollziehbar ist." Jeder Gencheck müsse "vorsichtig bewertet und gerechtfertigt werden", forderte denn auch Marcus Pembrey, Professor für Pädiatrische Genetik am University College London. Zentrale Punkte dabei: die psychosozialen Folgen des Wissens um die Prädisposition und die Zuverlässigkeit des Gentests. Die ESHG schlägt daher für jedes Land eine Institution für persönliche genetische Beratung und für die Qualitätskontrolle vor.

Die Humangenetiker sehen aber in den Gentests auch potenzielle Alliierte, um riskante Lebensstilfaktoren auszuschalten. "Sie haben", würde Jean-Louis Mandel einem Raucher mit entsprechender Prädisposition sagen, "nicht nur das durchschnittliche Lungenkrebs-Risiko, sondern ein erhöhtes." (rosch, DER STANDARD, Print-Ausgabe 16. 5. 2001)

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