Die "Martini Skala" und das Partyleben in Cannes

14. Mai 2001, 09:55
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Eine Branche feiert sich selbst

Cannes - Die Füße im Sand, ein Glas Champagner in der Hand, Live-Musik im Ohr und den Blick auf die Luxusjachten in der Bucht von Cannes gerichtet: Die Partys am Strand des Boulevards La Croisette sind einzigartig. Die Branche feiert sich selbst - und die Normalsterblichen stehen dicht gedrängt oben auf der Straße, um einen Blick auf die Glamourwelt direkt vor ihrer Nase zu erhaschen.

Reinzukommen ist nicht leicht. Die Einladungen sind zumeist fälschungssicher und werden von den Veranstaltern - Produzenten, Studios, Sendern, Filmgremien, Sponsoren - höchst selektiv verteilt. Außerdem gilt die Regel: je exklusiver die Party, desto entlegener der Ort und komplizierter die Anreise. Traumvillen mit mediterranen Gärten in den Hügeln von Cannes oder kleine Schlösschen werden von Privatleuten teuer für eine Nacht vermietet. Insgesamt kann so eine Veranstaltung schon mal eine Million Dollar (1,140 Mill. Euro/15,7 Mill. S) kosten.

Der Mittags-Empfang am Marktstand einer Verleihfirma, der Cocktail zum Sonnenuntergang auf einem eleganten Boot im Hafen, das Dinner ab 22 Uhr im Carlton-Hotel und die Party ab Mitternacht: Dass diese Events für das Filmfestival fast genau so wichtig sind wie die Kunst im Kino, zeigen die täglich erscheinenden Sonderausgaben von Branchenblättern wie "The Hollywood Reporter".

Auf einer von 0 bis 5 reichenden "Martini Skala" werden hier die schweißtreibenden Feste bewertet: Ob das Buffet unter gigantischen Platten mit Sushi oder Meeresfrüchten zusammenbrach oder es schrumpelige Würstchen gab, wird ebenso schonungslos vermerkt wie die Wichtigkeit der Gäste. Das Kampf-Trinken zu asiatischen Trommelklängen oder der Stepptanz eines prominenten Produzenten gilt als Highlight, Dudelsackmusik oder Knickerigkeit beim Getränkeausschank führen zu sofortiger Abwertung.

Die Kleiderordnung ist oft vorgeschrieben und vor allem für die Männer streng: Der Smoking mit Fliege, auch für jede abendliche Galavorstellung im Festivalpalais erforderlich, gehört zur Standardausrüstung. Aber manchmal ist auch lockerer Urlaubsstil mit Hawaii-Hemd erwünscht. Für Frauen sind die Regeln lockerer und der Stoffaufwand ist auch wesentlich geringer.

Für viele professionelle Festivaliers ist das gesellschaftliche Leben während des Filmfestspiele harte Arbeit. Pausenlos wird verkauft und gekauft, werden Kontakte gemacht, Geschäftsabschlüsse vorbereitet, Visitenkarten ausgetauscht. Jungschauspieler versuchen aufzufallen, echte Stars sondern sich im VIP-Bereich ab, und der Alkohol fließt in Strömen. Zeit, ins Kino zu gehen, bleibt dabei nicht. (APA/dpa)

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