Blues 92 (Single-Page-Format)

14. Mai 2001, 07:35
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Das mediale Aufbegehren gegen das Regime Milosevic hat B 92 berühmt gemacht. Aber was tut ein Widerstandssender in Zeiten, in denen der Diktator im Gefängnis sitzt? Ein derstandard.at-online-Feature

Bis sich Belgrad wieder zu jener südosteuropäischen Metropole mausert, die es einmal war, muss noch viel Wasser die Donau hinunterfliessen. Was die Haupstadt Jugoslawiens im Frühling 2001 von einem anderen beliebigen urbanen Zentrum des Kontinents unterscheidet, sind, Demokratie hin oder her, die Dinge, die man nicht sieht. Am Platz der Republik finden sich keine japanischen Touristen, die mit High-Tech-Kameras vor der Statue des Fürsten Michael, dem Sohn des serbischen Staatsgründers Milos Obrenovic, posieren. Fremdsprachige Stadtpläne sind ebenso rar wie Touristeninformationsbüros. Nur die Filialen diverser westeuropäischer Textilketten und amerikanischer Fast-Food-Restaurants zeugen oberflächlich von einer gewissen, wenn auch zweifelhaften Normalisierung. Aber Big Macs und Benetton-Pullover gab es auch schon unter Milosevic.

Jasmina Seferovic ist sich der Defizite ihrer Geburtsstadt schmerzlich bewusst. Von der Terasse eines Cafes im Stadtzentrum aus lässt die Journalistin ihren Blick über die Szenerie der Belgrader Prachtstrasse Kneza Mihailova streifen. Was sie sich jetzt, gut acht Monate nach dem Sturz des Potentaten, am meisten wünsche? Seferovic ringt sich ein gequältes Lächeln ab: „Ein Leben in einem normalen, langweiligen, demokratischen Staat“.

Jasmina Seferovic arbeitet als Fernsehredakteurin bei B 92, jenem Sender, der als einziges Medium während des Regimes des Slobodan Milosevic die Fahne der freien Presse in Jugoslawien hochhielt. Gerade mal zwölf Monate ist es her, daß sich Seferovic und ihre Kollegen in Privatwohnungen verstecken mussten, um ihre Sendungen produzieren zu können. Am 17. Mai jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem sie um 5.30 Uhr den Telefonhörer abhob und von einer Kollegin mit den Worten: „Die Redaktion ist voller Polizei“ geweckt wurde. Ein letzter Kraftakt des Regimes sollte die unbequemen Mäuler, die ihre kritischen Ansichten tagtäglich über den Äther verbreiteten, ein für allemal stopfen. Das Ergebnis ist bekannt. Der Diktator sitzt mittlerweile im Gefängnis, viele seiner Zuträger teilen sein Schicksal, wenn sie nicht bereits tot sind – oder sich mit den neuen Machthabern arrangiert haben. „Ich sehe immer noch viele der alten Gesichter“ sagt Seferovic. Nach der Revolution wollte die attraktive Jura-Studentin B 92 eigentlich verlassen, aber der gut bezahlte Job bei der Belgrader Vertretung der Europäischen Komission erwies sich nur als Intermezzo. „Ich dachte, daß meine Aufgabe bei B 92 erledigt wäre. Ich habe mich geirrt“ sagt sie heute. Stolz auf das Geleistete – schließlich trugen Leute wie sie einen gehörigen Teil zum Sturz von Milosevic bei – gönnt sich Seferovic nicht: „Eigentlich hat die Arbeit erst am fünften Oktober begonnen.“

Die engen, schmucklosen Büros in den oberen Stockwerken des „Hauses der Jugend“ im Stadtzentrum Belgrads, in dem B 92 seinen Sitz hat, tun ihr Übriges, um jeglichen Anflug von Revolutionsnostalgie im Keim zu ersticken. Chefredakteur Veran Matic hält sich ebenfalls nicht lange mit der Vergangenheit auf: „Was war, ist Geschichte. Wichtig ist, was kommt“. Stolz verweist er darauf, daß B 92 die Pole Position als populärster Radiosender Belgrads hält. Das Radio läuft gut, mit dem Fernsehen aber geht es mehr schlecht als recht voran. B 92 –TV sendet gerade mal 10 Stunden Programm, dieses besteht zum großen Teil aus amerikanischen Serien aus den 70-ern und 80-ern. Dazu kommen Musikvideos und – exklusiv – die Spiele der amerikanischen Basketball-Liga NBA. Für professionell gestaltete Nachrichten, Magazine und Livegespräche mangelt es an Material, geeignetem Personal und adäquaten Räumlichkeiten. Das Hauptproblem von B 92-TV aber liegt in der Reichweite: Per Antenne erreicht man nicht einmal die Häfte der Belgrader Haushalte – ein entscheidender Wettbewerbsnachteil gegen eine Übermacht von nicht weniger als zwölf Konkurrenzsendern, die um die spärlichen Werbeetats kämpfen. Matic setzt deshalb auf Expansion, sein Traum ist die Ausdehnung des Sendegebietes für Radio und Fernsehen auf ganz Serbien. Die Zeit drängt, denn der mangelnde Erfolg bei der Suche nach Geldgebern zehrt an den Nerven - und den Geldbeuteln - der B 92-Mitarbeiter. Die meisten verdienen umgerechnet rund 700 Schilling im Monat, was dem Durchschnittseinkommen in Serbien entspricht. Die ungewisse Zukunft nährt ihre Furcht, daß B 92 ein ähnliches Schicksal erleiden könnte wie TV OBN in Sarajevo. Während des Bosnienkriegs schuf die internationale Gemeinschaft diesen, wie es hieß, „unabhängigen multiethnischen Spross“, um wenigstens eine besonnene Stimme in der Kakophonie der Kriegstreiber hörbar zu machen. Nach dem Abkommen von Dayton sah man keinen Grund mehr für eine weitere Unterstützung. Unberührt sah der Westen zu, wie TV OBN zuerst an Geld- und anschließend an Interessensmangel einging.

Auf konkrete Zahlen, wieviel Geld B 92 braucht, um ein solches Schicksal abzuwenden, lässt sich Matic nicht festnageln. „Ein paar Millionen Deutschmark“ sagt er, müssten es aber schon sein. Eine Trumpfkarte haben die B 92-Macher allerdings. Die Jugend hält dem Sender nach wie vor die Treue. Der Ruf als Rebellenmedium, das dem unter Milosevic allgegenwärtigen Turbo-Folk die psychedelischen Klänge der Velvet Underground entgegensetzte, macht B 92 immer noch glaubwürdiger als alles, was im nunmehr demokratischen Serbien so alles nachkommt.

Ivan Stojanovic und Petar Cvetkovic sollen dafür sorgen, daß dies auch in Zukunft so bleibt. Die beiden Rapper moderieren die Musikfernsehsendung „Black Market“, die sich der aufstrebenden Belgrader Hip-Hop-Szene widmet. Von ihren Kollegen beim Sender trennt die beiden Nachwuchsanchormen nicht nur die Vorliebe für Gangsta Rap. Stojanovic und Cvetkovic kommen aus den Blocks von Novi Beograd, einer hässlichen Satellitenstadt am westlichen Save-Ufer. Sie bewundern den New Yorker Wu-Tang Clan, Dr. Dre steht ihnen näher als Vojislav Kostunica. Ihre Reime erzählen vom Aufwachsen in den Blocks, von Drogen, von Sex und von den Dieselistas, der Belgrader Variante der Mafia, die in gepanzerten BMW’s herumfahren und mit ihnen die Präferenz für italienische Markenjeans teilen. Obwohl sich Stojanovic und Cvetkovic unpolitisch geben, sind sie sichtlich stolz darauf, bei B 92 zu arbeiten: „B 92 hat uns eine Chance gegeben und die werden wir nutzen“ Hoffentlich nutzt auch der Westen seine Chancen.

LINKS

Interview mit Veran Matic - Chefredakteur von B 92

B 92 im Internet

Buchtipp: Matthew Colin: This is Serbia calling - Die B 92-Story

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