Nicht genügend, Frau Ministerin Gehrer!

14. Mai 2001, 21:58
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Brauchen wir wirklich "mehr Disziplin an Österreichs Schulen"?

Schriftliche Beurteilung des jüngsten Gehrer-Versuchs, das Schulsystem den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Von Irene Jancsy.

Sehr geehrte Frau Minister! Um es gleich vorweg zu sagen: Ihren Job hätte ich gern. Zwar beneide ich Sie nicht um die Zores mit dem Koalitionspartner. Inhaltlich aber ist ihre Aufgabe ein Traum. Bildung! Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es wohl kaum ein spannenderes Ressort.

Immerhin erleben wir gerade die gewaltigste Bildungsexplosion seit der Renaissance. Mehr Fragen tauchen dabei auf, als auf dieser Seite Platz hätten: Was sollen Kinder lernen? Mehr Goethe oder mehr Genetik? Haben die Geisteswissenschaften ausgedient? Oder sind sie wichtiger denn je? Worauf soll die Schule vorbereiten? Soll sie vor allem glückliche Menschen heranbilden oder smarte Start-up-Gründer? Ist Allgemeinbildung wichtig oder als Inbegriff eines veralteten bürgerlichen Bildungsideals längst obsolet? Sollen Recht, Ethik oder Wirtschaft zu Pflichtfächern werden? Was wäre aus dem Stundenplan zu streichen? Und und und . . .

Auf keine dieser Fragen gibt es eine einfache Antwort. Umso dringlicher ist die Auseinandersetzung mit ihnen. Was für eine Herausforderung! Als Ministerin könnte man zu Symposien und Kongressen laden; es ließe sich mit internationalen Experten und Expertinnen rund um die Uhr darüber streiten, was Schule in diesem Jahrhundert sein muss. Eine "task force" könnte Erfahrungen aus aller Welt zusammentragen und auswerten: Wie schaut das Schulsystem in jenen Ländern aus, in denen die Akademikerrate hoch ist? Wo lernen Jugendliche besonders gut, selbstständig zu arbeiten? Welche alternativen Schulmodelle haben sich bewährt?

Brachialpopulismus ...

Denn, Hand aufs Herz, Sie wissen doch auch, dass das österreichische Schulsystem - vorsichtig formuliert - nicht gerade eine internationale Vorreiterrolle spielt. Die katastrophalen Ergebnisse, die österreichische Jugendliche regelmäßig einfahren, wenn ihre Mathematikfähigkeiten oder ihr Wirtschaftswissen im internationalen Vergleich getestet werden, sprechen für sich. Die niedrige Akademikerrate, der mangelnde Nach- wuchs an Wissenschaftern, IT-Spezialisten oder Jungunternehmern ebenfalls.

Reformbedarf bestünde also zuhauf. Doch was tun Sie? Enttäuschend wenig. Einzelne positive Entwicklungen, die es im Schulbereich - vor allem auf Initiative engagierter Lehrerinnen und Lehrer - durchaus gibt, sind durch den Sparkurs Ihrer Regierung bedroht. Und jetzt Ihr jüngster Vorstoß, die "Verhaltensvereinbarungen" zwischen Lehrern, Eltern und Schülern: "Das Kaugummikauen bleibt eine Freizeitbeschäftigung außerhalb des gesamten Schulgeländes." Damit soll Österreichs Jugend im 21. Jahrhundert reüssieren? "Wir bereiten uns fünf Minuten vor jeder Stunde auf den Unterricht vor." Der Schüler Gerber lässt grüßen.

"Mehr Disziplin an Österreichs Schulen" - dieser Gassenhauer lässt sich gut verkaufen, bei überforderten Eltern ebenso wie beim ausgepowerten Lehrpersonal. Aber es ist doch nicht die mangelnde Disziplin, die Österreich neben vergleichbaren Ländern so alt ausschauen lässt. Es ist hoch an der Zeit, disziplinäre Schwierigkeiten auch darauf zurückzuführen, dass sich die Kinder in unseren Schulen fast zu Tode langweilen.

Wie es anders ginge? Längst herrscht bei Experten Einigkeit darüber, dass die Schule der Zukunft nicht bloße Wissensvermittlung anbieten darf. Nicht Problemlösungen sollen die Schüler lernen, sondern Probleme zu lösen. Statt dem Wissen rückt das Können in den Vordergrund. Die Erfahrung zeigt, dass sich die bei den österreichischen Schülern so verpönten Naturwissenschaften in jenen Ländern besonderer Beliebtheit erfreuen, wo praxisnah und viel im Labor gearbeitet wird. Forschen, Experimentieren und fächerübergreifendes Arbeiten machen eine zeitgemäße Schule aus. Das funktioniert allerdings weder per Frontalunterricht noch in starren 50-Minuten-Einheiten.

Bisher verzichtet Österreich aber hartnäckig auf eine gründliche Entrümpelung der Lehrpläne und eine tiefgreifende strukturelle Veränderung des Schulsystems. Die flächendeckende Ganztagsschule, die sich bekanntlich in anderen Ländern bestens bewährt, ist hierzulande noch immer ein Reizthema.

... statt Reformen?

Als Unterrichtsministerin ist Ihnen all das vermutlich bekannt. Umso entlarvender ist Ihre brachialpopulistische Rohrstaberlinitiative, die vergangene Woche den Ministerrat passiert hat: Sie und Ihre Regierungskollegen missverstehen die Schule noch immer als eine Institution, deren wesentlichste Aufgabe es ist, aus aufmüpfigen Kindern angepasste Jungbürger zu machen. Sie setzen darauf, die Untertanenmentalität der Österreicher noch viele Generationen lang zu konservieren. Und das ist, um einen in Ihrer Branche oft strapazierten Ausdruck zu verwenden, leider nicht genügend.

Irene Jancsy ist freie Journalistin in Wien.

14. Mai 2001
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