Carlo Azeglio Ciampi

14. Mai 2001, 10:47
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Ein Fährmann zwischen Italiens politischen Ufern

Als "Fährmann" hat ihn sein Vorgänger Oscar Scalfaro einmal bezeichnet, als einen der letzten von Italiens Führungsfiguren, die den Übergang von der Ersten in die Zweite Republik nach 1945 bewusst miterlebt haben. Tatsächlich aber sollte es bei weitem nicht der letzte Umbruch in Italiens turbulenter Politik sein, den Carlo Azeglio Ciampi begleitete.

Mit einer merkwürdig anmutenden Sicherheit tauchte der heute 81-jährige Staatspräsident noch in jeder Kurve auf, die Italiens Geschichte im vergangenen Jahrzehnt nahm: bei den Parlamentswahlen im April 1992, als die Democrazia Christiana unter die 30-Prozent-Marke fiel und die entscheidende Wende im italienischen Staatsgefüge einleitete; beim Sieg der rechtsgerichteten "Freiheitsallianz" von Silvio Berlusconi im März 1994; beim neuerlichen Machtwechsel nur zwei Jahre später durch das Linksbündnis "Ulivo".

Als sich die Linkskoalition selbst zu zermürben begann und 1999 schließlich unter Führung ihres Premiers D'Alema dem langsamen Ende zusteuerte, wurde Ciampi zum Staatspräsidenten gewählt. Oscar Scalfaro hatte auf eine neue Kandidatur verzichtet. So fällt nun Ciampi die Rolle zu, den neuerlichen Ansturm des Populisten Berlusconi auf Italiens Machtzentrale in geordnete Bahnen zu lenken - als Fährmann, sollte der Medienmacher gewinnen. Oder aber Italiens Weg in ein neues Linksbündnis zu begleiten im Falle eines Siegs von Francesco Rutelli.

Ciampis Verhältnis zu Berlusconi ist dabei notorisch schlecht. Der Präsident, der ganz ähnlich wie der Chef der Casa delle libertà den allergrößten Teil seiner Berufskarriere außerhalb des Parlaments verbrachte als Beamter der Banca d'Italia, der italienischen Zentralbank, während fast fünf Jahrzehnten, hat doch einen ganz anderen Zugang zur Politik gewählt als Berlusconi. Als Parteiloser zählt er zu den beliebtesten Politikern auf der Halbinsel - nur in seiner Jugend gehörte er einmal dem linksliberalen Partito d'azione an. Als Schatzminister der Regierung Prodi führte er Italien in die Währungsunion und bestätigte damit seinen Ruf aus den Jahren der Banca d'Italia: ein Banker, ein erstklassiger Theoretiker, ein unbestechlicher Praktiker.

Am Höhepunkt der "mani puliti"-Jahre, der Korruptionsermittlungen in den italienischen Parteien, war Ciampi 1993 Regierungschef. Aus dieser Zeit vor allem rührt seine Position als moralische Autorität des Landes, die ihn heute zum Gegengewicht eines möglichen Regierungschefs Berlusconi macht.

Ciampi, Sohn eines Optikers in Livorno, ist mit Franca Pilla verheiratet. Seine Frau gilt als wichtige Beraterin ihres Mannes in finanzpolitischen Fragen, hält sich aber trotz ihrer Stellung als "First Lady" lieber im Hintergrund. (Markus Bernath, DER STANDARD, Print- Ausgabe, 14. 5. 2001)

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