Stopp. Liebsein. Stopp. - Schlömer im Burgtheater-Kasino

14. Mai 2001, 22:44
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Joachim Schlömer inszeniert im Burgtheater-Kasino Artaud ebenso witzig wie klug

"man muss sich in die obszönität flüchten, es bleibt der poesie nichts anderes, als sich in die obszönität zu flüchten."

"Man soll mich doch in Ruhe scheißen lassen."
Antonin Artaud
(zweites Zitat aus dem Burgtheater-Programmheft)


Wien - An einem Sonntagabend gegen 21 Uhr hält der phänomenale Artaud-Abend im Burgtheater-Kasino bereits bei Bild zwölf (von deren 17) - "Interview zum Hörstück Schluss mit dem Gottesgericht". Vorzustellen hat man sich das ungefähr folgendermaßen. Seriöse Herren-Dreier-Formation in Anzug beim konzentrierten Schwitzen: Erstens Schrittfolge beachten - eins - zwei - drei - vier - Sprung -, zweitens Armchoreographie (kompliziert), drittens Blick geradeaus und Text: "Der Mensch ist krank, weil er schlecht konstruiert ist. Man muss sich dazu entschließen, ihn bloßzulegen, um ihm diese Mikrobe abzukratzen, die ihn zu Tode reizt. Gott."

Wer hier an Christoph Marthalers absurde Männer-Chöre denkt, oder an Einar Schleefs Sportstück-Exerzitien, und sich fragt, was dieser Abend denn nun mit Artaud zu tun habe, mit dessen ekstatisch-rauschhaftem "Theater der Grausamkeit", den lehrt ein neuerlicher Blick in die frühen Schriften des Theater-Theoretikers, dass Artaud durchaus auch anders gelesen werden kann als bisher üblich, und dass der Choreograph Joachim Schlömer eine sehr genaue - und überaus witzige - Lesart des Franzosen anbietet. Nicht zuletzt die eben im Münchner Verlag Matthes & Seitz erstmals auf Deutsch erschienenen Schriften über das Alfred-Jarry-Theater machen deutlich, dass es dem Reformer in seinem Gegenentwurf zum psychologischen Realismus um eine theatralische Poesie ging, die sich über eine unmittelbare Präsenz der Körper herstellt. Dass Artauds "Grausamkeit" nicht zuletzt eine Unmittelbarkeit und Authentizität des Ausdrucks durch den Körper meint, den die Sprache in ihrer begrifflichen Zerstückelung und Begrenztheit allein nicht zu leisten imstande ist.

Eine Konzentration auf die Eigensprachlichkeit des Körpers also, eine Partitur der Gliedmaßen. Und schon ist man direkt über Buster Keaton und Charlie Chaplin, Zeitgenossen Artauds, bei Marthaler angelangt und Schleef und Joachim Schlömer.

Mit sieben der jungen Schauspieler des Burgtheaters (Johanna Eiworth, Sabine Haupt, Adrian Furrer, Daniel Jesch, Michael Masula, Hanspeter Müller, Edmund Telgenkämper), die alle Körpereinsatz bis zum Letzten boten - kein Leib zeigte sich bei der Premiere pflaster- oder streckbandfrei -, erarbeitete der Tanztheater-Choreograph Joachim Schlömer eine ebenso präzise wie komische Neunzig-Minuten-Einführung in die Absurdität des Seins und die Grammatik der Bühne (Letztere übrigens stammte von Jens Kilian, war eine winzige Schuhschachtel in neonbeleuchtetem Kellerloch-Charme).

Verblüffend war vor allem die Leichtigkeit, mit der der körperliche Witz das Pathos der Artaudschen Sätze konterkarierte. Sprechen Sie einmal vom Tod, wenn die linke Hand über dem Kopf zu kreisen hat und die rechte unentwegt vor dem Bauch. Das Beste zuletzt: Joachim Schlömer hat nach fünf Jahren seinen Vertrag mit dem Baseler Theater aufgekündigt. Der Mann ist nicht nur gut, sondern auch frei: Herr Bachler, aufmerken!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 5. 2001)

Von
Cornelia Niedermeier

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