Seifen-Opa mit Schleierhaar

17. Mai 2001, 21:18
posten

Richard Foremans "ontologisch-hysterisches Theater" im Museumsquartier

Wien - Als die Festwochen schon ahnten, dass das laufende Theaterjahr als das der großen Greise in die Annalen eingehen wird, blickten sie noch einmal auf ihre Einladungsliste. Wen gäbe es da noch, fragte man sich; wen über 60 haben wir noch nicht? Zadek ist da, Grüber ist da, Brook ist da, und der etwas jüngere Bondy sowieso. Man grübelte, man telefonierte, man schlug nach. Richard Foreman! Der stille kleine Mann in seiner New Yorker Klause, der Intellektuelle mit dem Schleierhaar.

Luc Bondy blickte ratlos in die Direktorenrunde, lächelte im Stillen aber schon über sein geheimes Festwochen-Motto ("Aufstand der Greise"), Klaus-Peter Kehr schwieg, und Hortensia Völckers breschte vor: Ja, den Richard gäbe es noch! Wir gestehen: Ob die Geschichte so oder auch ganz anders verlaufen ist, wir wissen es nicht. Eines lässt sich aber mit Bestimmtheit sagen: Richard Foreman is alive, seine "ontologisch-hysterische" Theaterkunst nicht minder, und alle begeisterten Berichte, die wir über diese Legende des experimentellen Theaters gesammelt haben, sprechen die Wahrheit. Kurz: Im Avantgardetheatermuseum steckt Leben!

Und: Selbst wenn wir vieles nicht so wirklich verstanden haben (aber was gibt es in diesem Kopftheater schon zu verstehen?), es war auf jeden Fall sehr schön. Die Ideen tanzen gemächlich Foxtrott, und die Gedanken schauen ihnen dabei zu. Die Sätze drehen Pirouetten, und der Sinn geht auf Kaffeepause.

Ein Schritt, ein Satz, ein Weltenwerk. Ein leichtfüßiger Schwanengesang, obwohl bei diesem Titel alles nach These, nach klebriger Moral riecht: "Now that Communism is dead, my life feels empty!". Die Trauer nach dem Ende aller Ideologien also: Was hilft, wenn der Genosse tot ist und das Geschäft blüht? Ein neuer Weltentwurf? Fürwahr nicht, Foreman sammelt die Reste ein und wirft sie uns verschmitzt vor die Füße.

Hunde und Götter

Er kommt in seinem leichtschwebenden Szenario, das von "dogs" und "gods" wie von verwandten Wesen spricht, mit wenig aus, auch wenn sein kleines Bühnenimperium einem vollgestopften Zettelkasten gleicht: zwei sprechende Spieler, sechs Statisten, sehr viel Musik und unendlich viele Requisiten.

Sogar Schnüre und Plexiglasscheiben, die altgedienten Markenzeichen des Regisseurs, verhängen die Kartause. Man kann sich auf den Mann verlassen! Genauso wie auf einen Satz, den Richard Schechner vor Ewigkeiten über den Kollegen schrieb: "Hätte Heidegger Seifenopern geschrieben, wäre er Richard Foreman." Oder wagen wir vielleicht selbst ein sinniges Sätzchen: Wäre Christoph Marthaler nicht Schweizer, sondern Amerikaner, wäre er Richard Foreman.

Oder noch besser: Schriebe Woody Allen keine Geschichten, wäre er ... Doch genug der großen Namen. Was gab es während der wunderbar komponierten 80 Minuten im Museumsquartier zu sehen? Auf jeden Fall zwei große Komödianten, die ihre Schuh-, Schachtel-, Hundegeschichten mit maßlos gespreizten bzw. großspurig raunenden Worten inszenieren, während die Musik klimpert und aus dem Off die Stimme (Foremans) zu ihnen spricht.

Zwei windschiefe Figuren mit Langhaar, die Fred und Freddie heißen und die die Leere nach dem Untergang mit kauzigem Leben erfüllen. Freddie (Tony Torn), der wohl irgendwann einmal Hippie war und dann in einen Tiefschlaf glitt, aus dem er erst vor kurzem erwachte. Fred (Jay Smith), der ausgestopfte Kosake, der sich wohl in einem Männerharem am wohlsten fühlt. Stattdessen gleiten in einem fort verschleierte Wesen durch den schmalen Bühnenraum. Zerklirrt Glas. Fallen Schüsse. Und hin und wieder huscht ein Mann mit roter Fahne durchs Bild. Da würde man dann am liebsten laut auflachen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 5. 2001)

Von
Stephan Hilpold

Share if you care.