Fett für die Dritte Welt

13. Mai 2001, 19:43
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Die Lust am Oberflächenreiz in Wiener Galerien

Oberflächen als eigene Welt-Ikonografie? Das kann man auf Malerei genauso beziehen wie auf den Rest. "Wir nehmen die Wirklichkeit zunehmend in extremer Nahsicht wahr, schreiben sieben Studierende der "Angewandten" und nähern sich dieser von Film, Design und Werbung genährten Thematik bei FitONscreen. Ganz böse rückt Eva Jantschitsch der Aktion leichter leben zu Leibe. Diese Abnehmaktion besagt, dass jedes registrierte Kilo, das "Österreich" bis 2. 6. abnimmt, als Spende in hungernde Länder geht. Die Studentin nimmt das wörtlich und lagert in Porozell-Fleischtassen realen Bauchspeck oder Schulterscherzerl, decouvriert hier den abgrundtiefen Zynismus dieser Aktion, die in ihrem Info-Blatt u. a. den "persönlichen Erfolgs- und Wohlfühlplaner" anführt. In der Auslage von arc schwitzt das Fleisch Kondenstropfen auf die Innenseite der Plastikverschweißung. "Darstellungen nicht lagernder Körperteile werden vom Galeriepersonal gerne aufgenommen."

Den Fantasieoberflächen der immateriellen computergenerierten Architektur, die manche verwirklicht sehen wollen, stellt das Duo Span eine konkrete architektonische Rauminstallation entgegen. Gute Ideen auf kleinem Raum (weitere Teilnehmer: Friedrich Biedermann, Rainer Mandl, Wolfram Otto, Grischenka Teufl). Bis 2. 6.
arc, Paniglgasse 18-20, 1040 Wien, 503 19 60

Indirekt spielt der Maler und Dichter Jack Bauer auch mit Fantasiearchitektur, festgemacht am Gegenstand Aschenbecher. Aescher nennt er - der Labyrinth-Escher lässt grüßen - seine Konstruktionsparadoxa, die er auf getünchten Leinwänden virtuos mit flottem Strich variiert. Und im Keller des ArtLab spielt ein grünes Ding (Heliotrop) auf allen Bildern die Hauptrolle. Bis 29. 5.
Siemens ArtLab, 1010, Dorotheergasse 12, 512 53 15

Nachbauten "titoistischer Kunst im öffentlichen Raum" stellt Marko Lulic in die Galerie Senn. Eventuell auftretende Ähnlichkeiten mit dem Documenta-11-Umfeld sind rein zufällig, insofern der 1972 in Kroatien als Kind der so genannten "zweiten Generation" Geborene auf die kulturelle Geschichte Jugoslawiens rekurriert, ihren Insignien der (politischen) Macht. Organisiertes Dekor (verbesserte Partisanendenkmäler) als Kritik an der Moderne besticht dann, wenn es brachial schon kein Dekor mehr ist, wenn zwei sich kreuzende Betonbalken den Mittelteil der Galerie versperren. Im Atelier Augarten wird ab Mittwoch auch noch etwas in dieser Richtung zu sehen sein. Bis 23. 6.
Gabriele Senn Galerie, 1040, Schleifmühlg. 1A, 585 25 80

Lisa Ruyter, Jahrgang 68, eliminiert den subjektiven Malergestus völlig aus ihren coolen Oberflächen, die aussehen, als hätten Aliens zusätzlich noch mit LSD experimentiert. In Comicästhetik und Zuckerlfarben übersetzt die US-Künstlerin bei Georg Kargl ihre Fotoschnappschüsse (Babies auf Treppe, menschenleere Militärbasen, Aussichtsplattformen), die jenseits des flüchtigen PopArt-Déjà-vus (siehe Warhols Painting-by-Numbers-Arbeiten) noch etwas Existenzielles, Bleibendes in sich tragen. Bis 20. 6.
Galerie Georg Kargl, 1040, Schleifmühlg. 5, 585 41 99

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 5. 2001)

Von
Doris Krumpl

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