Pillen, Patente, Profite und Preise - Von Jeffrey Sachs

13. Mai 2001, 20:33
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Der Streit im Gerichtssaal über geistiges Eigentum und Preispolitik wurde mit viel Wut im Bauch ausgetragen. Pharmakonzerne in den USA und Europa sind die Hauptproduzenten lebensrettender Arzneimittel, vor allem gegen Aids. Die Armen in den ärmsten Ländern dieser Welt haben nichts davon. Während in den reichen Ländern viele Aidskranke dank wissenschaftlicher Forschung überleben, sterben in Ländern mit zerstörten Wirtschaften Millionen von Menschen vor ihrer Zeit und lassen unversorgte Kinder in Not zurück.

In reichen Ländern kostet eine Aidstherapie im Jahr 10.000 US-Dollar pro Patient. Die Herstellungskosten liegen allerdings weit unter den Marktpreisen, etwa bei 350 bis 500 US-Dollar pro Jahr für eine Drei-Pillen-Therapie. Einige Hersteller von Markenprodukten, zum Beispiel Cipla in Indien, haben vorgeschlagen, die Medikamente zu Preisen anzubieten, die nur wenig über den Herstellungskosten liegen. Als Antwort darauf (und um die öffentliche Meinung zu beruhigen) haben Merck, Abbott Laboratories und Bristol-Myers Squibb, drei Pharmariesen, deren Produkte durch Patente geschützt sind, zugesagt, den afrikanischen Markt mit "null Gewinn" zu versorgen - das heißt mit Pillencocktails zu 500 US-Dollar pro Aidspatient pro Jahr.

Ethische Fragen

Die Tragödie von Millionen mittelloser Menschen, die an Aids sterben, obwohl es Medikamente für eine Behandlung gibt, wirft ethische Fragen auf über die gesetzliche Regelung von geistigem Eigentum. Patente haben eine Schutzfunktion, aber sie verhindern auch, dass lebenswichtige Medikamente die Ärmsten der Armen erreichen. Wie lassen sich die Vorteile eines globalisierten Patentsystems, das ein Ansporn für Innovation und Forschung darstellt, mit der Garantie verbinden, armen Menschen Therapien zu ermöglichen, die ihr Leben beträchtlich verlängern?

Eine Möglichkeit sind unterschiedliche Preiskategorien von Medikamenten für arme und für reiche Länder. In reichen Ländern sollten Markenprodukte weiterhin durch Patente geschützt sein, um den innovativen Schwung der Pharmaindustrie nicht zu stoppen. Viren werden resistent, Medikamente haben Nebenwirkungen, die oft ebenso zerstörerisch sind wie die Krankheit, gegen die sie verabreicht werden.

Pharma-Profite

Der Kampf gegen Retroviren im Allgemeinen und das HTL-Virus III, den Aidserreger, im Besonderen geht weiter. Solange die Pharmaindustrie Profite macht, wird sie in die Forschung investieren, solange es Patente gibt, werden auch die Profite nicht ausbleiben.

Freilich können die armen Länder nicht dieselben Preise wie reiche Länder zahlen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in den USA beträgt 35.000 US-Dollar; in weiten Teilen Afrikas sind es nicht einmal 350 US-Dollar. Hier sind auch Medikamente zum Selbstkostenpreis - 350 US-Dollar pro Patient und Jahr - zu teuer. Daher ist eine Aidsbehandlung für die wenigsten Afrikaner erschwinglich, ob es sich nun um Markenprodukte oder billigere Kopien handelt.

Um das Problem zu lösen, sind folgende Bedingungen zu erfüllen:

Arme Länder werden mit Medikamenten (patentierte oder Generika) zum Selbstkostenpreis versorgt.

Reiche Länder schützen pharmazeutische Produkte durch Patente, um die Forschung zu finanzieren.

Reiche Märkte sind von armen Märkten strikt zu trennen, damit billige Medikamente aus den armen Ländern nicht in reiche Länder zurückwandern.

Zielführend ist die Gründung eines Global Health Fund, um Medikamente und ärztliche Betreuung im Kampf gegen Killer-Krankheiten wie Aids, Tuberkulose und Malaria zu finanzieren. Dieser Fonds würde nicht ausschließlich den Ärmsten zugute kommen, sondern auch Ländern mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen, zum Beispiel Südafrika, wo Krankheiten wie Aids so sehr überhand nehmen, dass wegen der notwendigen Menge auch billige Kopien zu teuer sind.

Was geschieht, wenn nun auch die Wähler in den reichen Ländern Preissenkungen hochwertiger Medikamente fordern? Geben die Politiker in diesem Punkt nach - etwa indem sie den Schutz durch Patente aufheben, Preise kontrollieren oder den Rückimport von Medikamenten gestatten -, wird die Forschung in der Pharmaindustrie nachlassen. Die verwöhnten Menschen in den reichen Ländern sollten nicht immer gleich das Schlimmste befürchten: Ihre Medikamente werden nicht teurer, nur weil die Preise in den armen Ländern - in Absprache mit der Industrie - fallen.

Billige Kopien

Bei dem gerichtlichen Gerangel für billige Kopien von patentierten Aidspillen in Südafrika sind die Patente mit einem blauen Auge davongekommen. Ohne sie hätte es allerdings die Massenproduktion von neuen Generika nicht gegeben. Patent-Gegner meinen, eine staatlich geförderte Forschung würde genügen, um neue Medikamente zu entwickeln. Für die Grundlagenforschung mag das stimmen. Die Geschichte zeigt allerdings, dass der profitorientierte Privatsektor immer noch am besten geeignet ist, neue Produkte weiterzuentwickeln. Daher ja zur Reform des internationalen Patentsystems zum Vorteil der Armen. Aber man sollte die Gans nicht schlachten, die die goldenen Eier legt.

Jeffrey D. Sachs ist Galen L. Stone Professor für Ökonomie und Leiter des Center for International Development, Harvard University, Cambridge, Ma., USA
©Project Syndicate, Mai 2000, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 5. 2001

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