Ein Schock mit Wirkung

13. Mai 2001, 19:50
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Modellfall Montanuni: Neue Eingangsphase und Partner aus der Industrie

Der Schock tat seine Wirkung: Seit an der Montanuniversität Leoben im Studienjahr 2000/01 die Zahl der Erstinskribenten von 263 auf 162 und jene der Studien von 2628 auf 2413 gesunken ist, ist akuter Handlungsbedarf eingetreten. Zumal im Rahmen der Universitätsreform gerade die gesamte Universitätslandschaft Österreichs im Umbau begriffen ist. Durch den Fachhochschulbereich haben die Leobner zuletzt starke Konkurrenz erhalten.

Ein neues Profil musste her. Schließlich kursierten in der Bundeshauptstadt sogar Gerüchte, dass Leoben zugesperrt werden könnte. Wohl betrachten die Montanisten diese Perspektive als bloße Drohgebärde. In einer brandneuen, vom Wissenschaftsministerium noch unter Verschluss gehaltenen Evaluationsstudie vom 17. April wird jedoch empfohlen, das Fach Maschinenbau auf die beiden Technischen Universitäten Wien und Graz zu konzentrieren und bei Zusammenlegen von Teilbereichen im Zweifelsfall die TU-Graz zu bevorzugen. Was ein Aus für Leoben bedeuten würde. Denn "Maschinenbau" ist die Basis für sämtliche Studienrichtungen.

Vor Ort haben die Verantwortlichen mithilfe einer Unternehmensberatungsfirma bereits im November des Vorjahres ein umfangreiches Strategiekonzept erarbeitet. Das Prinzip: die Aufhebung der Trennung in "Old Economy" und "New Economy". Studierende entwickeln Werkzeuge und Fähigkeiten für alle Herausforderungen in der Wirtschaft. Beispiel: der Aufbau eines werkstofforientierten Maschinenbaus, wofür offenbar Bedarf in der Wirtschaft besteht. Rektor Wolfgang Pöhl: "Dann können wir den traditionellen Maschinenbau abgeben."

Auch Kurzstudien sollen installiert werden. Hubert Biedermann, Vorstand des Instituts für Wirtschafts- und Betriebswissenschaften in Leoben, macht sich für ein neues Kombinationsstudium stark, bestehend aus einer analytisch orientierten Grundlagenausbildung und nachfolgenden Querschnittskompetenzen in Technik, Informationstechnologie, Logistik, Management- und Prozesswissen. Biedermann: "Das sind die Leute, die wir künftig brauchen. Mit diesem Angebot sind wir dann für jene jungen Leute interessant, die über hohe Teamfähigkeit verfügen und gerade an solchen Kombinationen Interesse haben." Seit dem Wintersemester 2000/2001 sind überdies neue Studienpläne in Kraft, die eine - für alle Studien gleiche - Eingangsphase zur Orientierung beinhalten. Die Regelstudiendauer beträgt zehn Semester.

In den Sommerferien ist eine Industriepraxis von insgesamt einem halben Jahr zu absolvieren. Die Hochschülerschaft hat außerdem in Kooperation mit dem Rektor eine komplett neue Werbelinie aufgebaut. Zwanzig eigens dafür ausgebildete StudentInnen werben regelmäßig österreichweit an den Schulen. Dabei wird die persönliche Betreuung betont: "Leoben ist keine Massenuniversität, die Studierenden sind keine gesichtslosen Nummern."

Und die Absolventen können mit ordentlichen Gagen rechnen: Über ein Viertel verdient mehr als 800.000 Schilling im Jahr. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 14. 5. 2001)

Um zu überleben, verpasst sich die Montanuniversität Leoben gerade ein neues Profil. Die traditionsreiche Institution ist vom Zusperren bedroht und verzeichnet sinkende Studentenzahlen. Ein Lokalaugenschein von Standard-Mitarbeiterin Elisabeth Horvath.
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