Hymne an die Bewegung

15. Mai 2001, 20:33
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Bejubelte Uraufführung von Pina Bauschs neuem Tanzstück im Wuppertal

Wuppertal - Pina Bausch und ihre Tanz-Compagnie haben mit ihrem neuen Stück das Publikum in den Bann gezogen - nicht enden wollender Jubel krönte die knapp dreistündige Uraufführung am Samstagabend im Wuppertaler Opernhaus. Der Abend war heiterer, üppiger, spielerischer als frühere Produktionen und bot auch mehr Tanz. Inspiriert ist die neue Creation von einem Aufenthalt der Compagnie im vergangenen Jahr in Südamerika - die Produktion entstand in Zusammenarbeit mit Brasilien und dem Goethe-Institut Sao Paulo.

Bühnenbildner Peter Pabst hielt die Szene ganz in tropischem Weiß: weißer Tanzboden, weißer Rundhorizont. Auf diese Flächen projizierte er Videoaufnahmen - zunächst von Palmwedeln im Wind. Ein Tänzer nimmt die Bewegung auf und entwickelt sie zu einem Solo.

Mehr Bewegung

Viele der etwa 60 Auftritte sind Soli; die Tänzerinnen und Tänzer bekommen Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Während Pina Bausch bei früheren Choreografien Tanz ganz verweigerte oder Teile der Körper unbewegt ließ, um auf gesellschaftliche oder individuelle Defizite hinzuweisen, wirkt die Compagnie an ihrem brasilianischen Abend frei, mitunter entfesselt. Die Damen beugen den Rumpf tief, erheben ihn rasch, kraftvoll, werfen den Kopf und das Haar zurück und gestikulieren ausgreifend mit den Händen. Die Körperbeherrschung der Herren grenzt ans Akrobatische.

Der Abend gewinnt durch das Zusammenspiel des Tanzes mit den Kamerafahrten durch den Regenwald, über den Amazonas und riesige Wasserfälle, mit der akustischen Kulisse hierzulande unbekannter Melodien aus Brasilien und der Raffinesse der Kostüme. Marion Cito hat den Damen elegante, strahlende Roben entworfen, die kühnsten in Gold und Rot. Die Kostümbildnerin unterstützt auch immer wieder den oft erotisch gepfefferten Humor des Abends. Einmal tritt ein Paar auf, dessen Kleider mit Lämpchen besetzt sind, die aufleuchten wie bei einem Weihnachtsbaum.

Dynamisches Ende

Der erste Teil mündet in ein Finale, in dem das süße Leben gefeiert wird. Nachdem die Tänzerinnen und Tänzer die Freuden des Bades in der See genossen haben, lümmeln sie sich auf einer üppigen Sofalandschaft. Der zweite Teil ist noch nicht so durchgeformt wie der erste - Pina Bausch arbeitet häufig nach der Uraufführung noch weiter an ihren Stücken; deshalb steht auch noch kein Titel fest. Doch das Ende wirkt dynamisch; Soli des ersten Teils werden wieder aufgenommen, während im Hintergrund ein riesiger Wasserfall das Tempo der rasenden Bewegung angibt. Schließlich zapfen die Tänzerinnen und Tänzer den virtuellen Video-Wasserfall an - und siehe da: Ein winziger Teil der kolossalen Wassermassen ergießt sich auf die Wuppertaler Szene.

Den Darstellern ist es gelungen, die ganze Energie des Landes, das sie und ihre Choreografin wohl begeistert hat, auf die Bühne zu übertragen. Der Abend ist eine Hymne an die Bewegung in ihrer Vielfalt, und Bewegung ist - nicht nur für Tänzer - der Inbegriff des Lebens.

(APA/dpa)

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