Vom "Ausgleich" in Großungarns Untergang

12. Mai 2001, 19:14
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Der "Ausgleich" von 1867 machte das Habsburgerreich zur Doppelmonarchie. Die Nationalitätenfrage blieb unbewältigt

Nach der Niederschlagung der 48er-Revolution wurde die Sonderstellung des Königreichs Ungarn von dem nunmehr wieder absolut regierenden jungen Kaiser Franz Joseph aufgehoben. Ungarn wurde eine Reichsprovinz, Siebenbürgen, die Vojvodina und das Temesvarer Banat sowie Kroatien und Slawonien wurden von Ungarn abgetrennt. Österreichische Beamte traten an die Spitze der Verwaltung. Allerdings lagen in dieser Ungarn aufgezwungenen Gleichschaltung auch gewisse positive Elemente: der Magnatenadel, obwohl zum Teil kaisertreu und der Revolution abhold, erhielt seine alten feudalen Privilegien nicht voll zurück, im Schul-, Justiz- und Steuerwesen gab es Reformen, und das Eisenbahnnetz wurde ausgebaut.

Ungarn verharrte in passiver Resistenz; die 100.000 Toten des Revolutionskampfes und die drastischen Strafmaßnahmen danach belasteten das Verhältnis zu Österreich und zum Kaiserhaus schwer. Franz Josephs Niederlage in Italien (1859) brachte mit dem Oktoberdiplom von 1860 gewisse Lockerungen, so die Gleichstellung Ungarns mit anderen Kronländern, die Einberufung eines Landtags und die Wiederherstellung der Komitate, was aber durch das Februarpatent (1861) teilweise wieder rückgängig gemacht wurde.

Wie die anderen Kronländer war Ungarn nun im Reichsrat (mit 85 von 343 Abgeordneten) vertreten. Für den ungarischen Adel, der sich als Gesamtvertretung der Nation verstand, war dieser Zustand inakzeptabel, doch setzte sich der liberale Flügel des Protestlagers mit Ferenc Deák an der Spitze gegenüber den von dem in der Emigration befindlichen Kossuth beeinflussten Radikalen durch. Zu Ostern 1865 veröffentlichte Deák in der Zeitung Pesti Napló einen Artikel, in dem er die Bereitschaft zu einer Kompromisslösung bekundete. Es bedurfte aber erst der Niederlage Österreichs im Krieg gegen Preußen (1866), dass sich Wien nun zum so genannten "Ausgleich" bereit fand. Neben der Schwächung Österreichs spielte dabei auch der ungarnfreundliche Einfluss von Kaiserin Elisabeth, die mit Deák in Verbindung stand, eine gewisse Rolle. Der Ausgleich anerkannte in Bezug auf die Herrscherrechte des Hauses Habsburg die Pragmatische Sanktion. Allerdings unterschieden sich die von Graf Beust, Graf Gyula Andrássy (dann erster Ministerpräsident Ungarns) und Deák ausgehandelten österreichischen von den ungarischen Gesetzestexten insofern, als die ersten das Verhältnis eher als Bundesstaat, die zweiten eher als einen durch Personalunion vereinten Staatenbund interpretierten. Die Außenpolitik und das Heerwesen sowie die hierauf bezogenen Finanzen wurden als kaiserlich und königlich (k.u.k) für beide Reichshälften gemeinsamen Ministerien unterstellt; was allein "zisleithanisch" war, erhielt die Abkürzung k.k. (der Kaiser war ja auch König von Böhmen), was ungarisch war, k. (königlich).

Im auswärtigen Dienst stellte Ungarn einen beträchtlichen Anteil führender Beamter, die höheren Offiziersränge der k.u.k. Armee blieben - wie die Kommandosprache - weitgehend deutsch-österreichisch. Trotz des Pochens auf Eigenständigkeit, das in den ungarischen Gesetzestexten spürbar war, hielt die Konstruktion bis zum Zusammenbruch der Doppelmonarchie. Allerdings stellt sich mit dem Blick auf den österreichisch-ungarischen Ausgleich die Frage, ob dieser Zusammenbruch zu verhindern gewesen wäre, wenn man damals gleich das große Konzept einer Gesamtreform durch einen Ausgleich auch mit Böhmen - und in der Folge mit Kroatien - gewagt hätte. Solche Reformen sind später durch die nationalistischen Gegensätze und die starre Haltung des greisen Kaisers unmöglich geworden. Die ungarische Führungsschicht hatte dabei einen nicht unwesentlichen Anteil am vorprogrammierten Untergang. Das Nationsverständnis des magyarischen Adels, der sich seit dem Mittelalter als die eigentliche "Natio Hungarica" begriff, war im Hinblick auf anderssprachige Nationalitäten dem französischen nicht unähnlich, allerdings wurde es noch ergänzt durch die Ablehnung der Demokratie.

Während im österreichischen Reichsteil das Wahlrecht immer größeren Kreisen der Bevölkerung und schließlich allen männlichen Personen zugestanden wurde, beharrte Ungarn auf einem Zensuswahlrecht, das nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt machte. Schon das Nationalitätengesetz der Deák-Partei, die nach dem Ausgleich führend war, versagte den Anderssprachigen - zusammen (ohne Kroatien, das eine gewisse Autonomie erhielt) zunächst fast 60 Prozent - Gleichberechtigung. Ungarisch wurde zur Staatssprache erhoben, andere Sprachen durften nur auf der untersten Verwaltungsebene und in den Elementarschulen verwendet werden, territoriale Autonomie blieb Slowaken, Ukrainern, Rumänen, Deutschen und Serben untersagt.

Die Wirtschaftskrise Anfang der Siebzigerjahre brachte die Ablöse der zerfallenden Deák-Partei durch die Liberale Partei, die nun mit Kálmán Tisza den Ministerpräsidenten stellte. Seine Anhänger rekrutierten sich vor allem aus dem niederen Adel, mit denen er den Verwaltungsapparat ausbaute; die neu geschaffene Gendarmerie fungierte häufig als Zwangsapparat gegenüber den Nationalitäten und der sich mit der stürmisch wachsenden kapitalistischen Entwicklung herausbildenden Arbeiterschaft. Der extrem magyarisch-nationalistische Kurs der Liberalen Partei blieb auch nach Tiszas Rücktritt (1890) beibehalten. Der Assimilierungsdruck hatte insbesondere bei den vorwiegend städtischen Schichten Erfolg, die den industriellen und kommerziellen Aufschwung trugen - bei Deutschen und Juden. Zwischen 1880 und 1910 stieg der Prozentsatz der sich als Magyaren bekennenden Bürger Ungarns (ohne Kroatien) von 44,9 auf 54,6 Prozent.

Die Millenniumsfeier von 1896 - in Erinnerung an die magyarische Landnahme - wurde Ausdruck des übersteigerten Nationalismus. Die unterdrückten Nationalitäten aber sehnten immer mehr den Tag herbei, sich von diesem Staat lossagen zu können. 1905 wurde die Liberale Partei durch eine oppositionelle Koalition abgelöst. Sie legte sich mit der Forderung nach einer selbstständigen ungarischen Armee mit Wien an, doch Franz Joseph lehnte dies strikt ab und zwang die Regierung mit der Drohung, das allgemeine Wahlrecht auch in Ungarn einzuführen, zum Rückzug. Endgültig scheiterte sie mit dem Versuch, eine selbstständige ungarische Nationalbank zu schaffen.Die Krise des Systems blieb auch während der zweimaligen Ministerpräsidentschaft von István Tisza (dem Sohn von Kálmán Tisza) ungelöst. Die Annexion von Bosnien-Herzegowina als von der Doppelmonarchie verwaltetes "Reichsland" und die Sympathien des Thronfolgers Franz Ferdinand für die Ablöse des Dualismus durch einen Trialismus verstärkten die ungarischen Ängste vor einer slawischen Übermacht. Der Mord von Sarajevo wurde von vielen insgeheim erleichtert aufgenommen. Tisza war gegen eine militärische Lösung, allerdings trat er für ein Bündnis mit Bulgarien ein, um das ihm wegen seiner Ansprüche auf Siebenbürgen suspekte Rumänien zu neutralisieren.

Als Franz Joseph sich zum Krieg entschloss, wurde das auch in der ungarischen Öffentlichkeit begeistert aufgenommen, doch wollte man nur die "Züchtigung", aber keinesfalls eine Annexion Serbiens, durch die ja erst recht ein die Südslawen befriedigender Trialismus gedroht hätte. Der Krieg mit seinen ungeheuren Blutopfern, vor allem bei den Kämpfen gegen das Zarenreich, aber auch dann an der italienischen Front, führte rasch zur Ernüchterung, doch ließ die ungarische Führung nicht an ihrer Treue zum Herrscherhaus zweifeln, und die Ungarn in der k.u.k. Armee waren, anders als manche slawischen Formationen, kaum bereit, ihrem Fahneneid abtrünnig zu werden. Dabei spielte zweifellos auch eine Rolle, dass die gegnerischen Mächte den emigrierten Nationalitätenpolitikern bereits zugestanden hatten, dass ihr Sieg den Rumänen und Slawen die Erlösung aus dem "Völkerkerker" des Königreichs Ungarn bringen würde.

Die Listen der Kriegstoten wurden länger und länger - insgesamt fielen 530.000 ungarische Bürger, 1,4 Millionen wurden verwundet, 830.000 gerieten in Gefangenschaft. Seit 1917 nahmen Hungerdemonstrationen und Streiks zu, die sozialdemokratische Opposition verlangte von dem neuen König Karl IV. immer stürmischer Frieden. Am 16. Oktober 1918 erklärte Tisza, der nach Franz Josephs Tod als Premier hatte zurücktreten müssen, im Parlament: "Ich gebe zu, wir haben den Krieg verloren." Sein oppositioneller Gegenspieler, Graf Mihály Károlyi, glaubte sich berufen, nun wenigstens "den Frieden nicht zu verlieren".(DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 12./13. 5. 2001)

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