Vom Öffnen und Schließen des Mundes

12. Mai 2001, 12:25
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Vokalharmonische Dichtung im neuen "Pudel"

Jeder kennt den Pudel! - Es wäre schön, diesen Artikel so zu beginnen, ohne sich dem Vorwurf der Lüge auszusetzen, doch ist leider das Gegenteil der Fall. Viel zu wenige Menschen kennen den "Pudel", obwohl die Zeitschrift mit dem Tintenklecks am Cover nun schon zum fünften Mal seit Frühling 2000 erscheint.

Hinter diesem schwarzen Haushund steckt Daniel Wisser, der jüngst einiges Aufsehen erregt hat. Wisser, einer der interessantesten österreichischen Autoren, schert sich nicht um Breitenwirkung, aber was er macht, ist spektakulär: Lyrik, die man nicht aus dem Ohr kriegt.

Wissers Verse wie "der wind wirft alle dinge um / die gläser und die flaschen / er macht die meisten schilder krumm / und greift in manteltaschen" sind längst Klassiker, sein Liederabend "Ich zünde nachts Italien an" (mit Liese Lyon, Gesang, und Alexander Fleischmann, Klavier) hat über 100 begeisterte Zuseher ins "Antiquariat Buch & Wein" gelockt und besitzt das Potenzial für eine etwas andere Österreich-Tournee.

Andreas Okopenko hat ein Vorwort zum Pudel Heft 1 geschrieben, Fritz Ostermayer zum Heft 2, in dem wunderbar misslungene Reime (wie "LSD und andre Drogen / wirken stark halluzinogen" oder, unter dem Titel "pragmatisierte astronauten": "Ich sah, dass sie das Raumschiff rammten / Als sie sich in die Umlaufbahn beamten.") zusammengestellt wurden. Heft 3 versammelt originelle Anagramme von Neda Bei, Petra Nachbaur, Ilse Kilic und Barbara Zanotti, Heft 4 frühe Wisser-Prosa. Die soeben erschienene fünfte Nummer widmet sich "Vokalharmonischen Dichtungen", Wissers eleganter Überbegriff für vokalzentrierte Lyrik in "ottos mops"-Tradition.

Neben Gerhard Jaschke mit Auszügen aus einem Bühnenwerk sind Margret Kreidl und Petra Nachbaur im neuen Pudel zu Gast. Nachbaur spielt einen virtuosen Trommelwirbel der Vokale A und O rauf und runter ("rambo frohlockt: carbonara? pomodoro? gorgonzola? al forno? solo pasta? ach wo: quota hat bloss coca-cola."), während Kreidl in ihrer Schimpfliste mit "Heimatloser Dollarkapitalist" vermutlich nicht Stronach, mit "Habilitierter Gandhi" keineswegs van der Bellen und mit "Verlogene Sanktionsfotze" garantiert nicht Ferrero-Waldner meint. In beiden Fällen ist die artifizielle Dekonstruktion von Sprache ein Mittel, den Leser staunen zu machen, ob der Möglichkeiten, die das Öffnen und Schließen des Mundes birgt.

Von den Pudel-5-Autorinnen und -Autoren möchte man jedenfalls gerne ein SMS erhalten.

Daniel Wisser, in dessen Umfeld auch die "Lassos Mariachis" entstanden, hat bereits in den Neunziger Jahren in einer Simmeringer Wohnung die solide Basis für seine Projekte geschaffen. Bei ihm konstituierte sich auch das "EWHO" (Erstes Wiener Heimorgelorchester). Und Wissers eigene Texte sind eine Fundgrube für alle, die sich überzeugen wollen, dass Lyrik nicht immer nur öd oder bekenntnishaft sein muss.

Der Pudel, auch im Netz vertreten unter www.derpudel.at, ist ein Fall fürs Abonnieren. []

Daniel Wisser (Hrsg.), Der Pudel, Heft 5, "Vokalharmonische Dichtungen". öS 90,-/ EURO 6,54/ 80 Seiten (Zu beziehen über derpudel@acw.at.)

Hinweis: Am 16.5. um 20 Uhr wird "Der Pudel" im Grazer Forum Stadtpark präsentiert, es lesen Margret Kreidl, Petra Nachbaur und Daniel Wisser.
(DER STANDARD, 12./13. Mai 2001)

Von
Martin Amanshauser
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