Escheder Gedenkstätte soll auch ein Ort der Hoffnung sein

13. Mai 2001, 17:24
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Denkmal enthüllt

Eschede - Am 3. Juni 1998 zerstörte das schwerste Zugunglück in der deutschen Nachkriegsgeschichte die Idylle in dem Heideort Eschede. Als der ICE 884 Wilhelm Conrad Röntgen wegen eines gebrochenen Radreifens entgleiste, gegen eine Bahnbrücke prallte und 101 Menschen in den Tod riss, wurden Biografien jäh abgebrochen, Familien zerstört, Zukunftsträume fortgeweht. Viele von denen, die mit Verletzungen überlebten oder die Opfer bargen, tragen körperliche und seelische Belastungen bis an ihr Lebensende. Ihnen allen gewidmet ist das Mahnmal, das am Freitag am Ort der Katastrophe eingeweiht wurde. "Es ist einzigartig, weil es keine vergleichbare Gedenkstätte für Opfer von Verkehrsunfällen gibt", sagte Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD).

Nach den Entwürfen der hannoverschen Architekten Anja Brüning und Wolfgang M. Pax entstand auf der neuen Brücke ein Torbogen aus schwarzem Granit. Eine Inschrift erinnert daran, dass sich "hier auf unergründliche Weise die Schicksale von 101 Menschen kreuzten und vollendeten". In die Trauer, so ist zu lesen, "mischt sich auch Dankbarkeit, ihnen im Leben nahe gewesen zu sein". Steinerne Stufen führen die steile Bahnböschung hinunter in einen Garten mit 101 blühenden Kirschbäumen. Parallel zu den Bahngleisen, auf denen unentwegt Güter- und Personenzüge vorüberrauschen, steht eine mehr als zehn Meter lange Granitwand. Sie trägt die Namen, Geburtsdaten und Herkunftsorte der Opfer.

"Diese Gedenkstätte ist das Ergebnis eines zähen Kompromisses, den wir als Selbsthilfegruppe der Angehörigen und Überlebenden mit dem Arbeitskreis Gedenkstätte erzielt haben", sagt Heinrich Löwen. Der 56-Jährige hat in Eschede seine Frau Christl und seine älteste Tochter Astrid verloren. "Die Deutsche Bahn AG hat in fahrlässiger Weise unsere Angehörigen ums Leben gebracht", bekräftigte der Sprecher der Selbsthilfe. In seiner Ansprache erinnerte er daran, "dass die Wartung und Kontrolle des ICE grob und systematisch vernachlässigt wurde".

Löwen, der mit seinen Schicksalsgenossen um angemessene Schmerzensgelder nun auch vor Gericht kämpfen will, ging es am Freitag aber auch um Aussöhnung. "Dazu ist es nötig, Fehler und Versagen einzuräumen, um Sühne und soweit wie möglich wirtschaftliche Wiedergutmachung zu leisten". Sollte das nicht geschehen, sagte Löwen vor den rund 300 Ehrengästen, "wird es bei uns zu anhaltender Verbitterung, Zorn und weiterer Einbuße an Lebensqualität kommen." Gesetzgeber und Rechtsprechung seien gefordert, entscheidende Verbesserungen auf den Weg zu bringen.

Als Löwen und Gisela Angermann, die ihren 29-jährigen Sohn Klaus in Eschede verlor, hoch über den Gleisen die Namen aller Opfer verlesen, herrscht beklemmende Stille. Die Züge passieren den 4000- Einwohner-Ort langsamer als gewöhnlich. Viele Escheder zeigen ihre Solidarität, so, wie sie nach dem Unglück sofort überall zupackten und damit ein Zeichen der Mitmenschlichkeit setzten. (APA/dpa)

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