Semantische Verwirrung

11. Mai 2001, 21:26
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An den Augen abzulesen: Die Muttersprache beeinflusst das Verständnis der Fremdsprache

Wien - Die Verarbeitung von Sprache im Gehirn ist ein so komplexer Vorgang, dass wir bis heute nicht wissen, wie unser Sprachgedächtnis konfiguriert ist. Werden zum Beispiel Wörter getrennt zwischen Stamm und Endung gespeichert? Oder wird jede konjugierte und deklinierte Form einzeln in einer Hirnlade abgelegt? Wird das deutsche Wort Kind an anderer Stelle gespeichert als das englische Wort kind (Art, freundlich), oder gibt es Überlappungen? Und wie konfiguriert sich unser Gedächtnis um, wenn wir von einer Sprache zur anderen wechseln? Weitergefragt: Steht hinter der Sprache ein eindeutiger Gedanke, der sich, gleich in welchem Idiom, Ausdruck verschafft? Oder sind Sprache und Gedanken untrennbar verwoben?

"Teacher" ist nicht männlich

Mit Problemen wie diesen beschäftigen sich zurzeit die Kognitionswissenschafter Kathleen Eberhard und Matthias Scheutz, beide Professoren an der University of Notre Dame, Indiana, USA. Im Rahmen einer Studie an der Uni Wien, wo Scheutz auch Lektor ist, lesen sie Testpersonen von den Augen ab, wie ihr Gehirn mit den im Deutschen und Englischen unterschiedlichen Gender-Aspekten eines Wortes umgeht. Die Hypothese: Wörter wie Teacher sind für Englischsprechende nicht von vornherein männlich oder weiblich besetzt. Für Österreicher schon, weil die Endung -er im Deutschen auf einen Mann hinweist.

Die Versuchsanordnung der Studie: Eine Kamera (eye tracker) auf dem Kopf eines Probanden liest mithilfe eines Infrarotstrahls über einen Reflektor die Augenbewegungen der Testperson beim Lesen ab und zeichnet sie im Computer auf. Alle Probanden sprechen Deutsch als Muttersprache und Englisch als Fremdsprache. Auf einem Bildschirm wird ihnen eine Liste von Sätzen vorgelegt. Zum Beispiel der: "The robber disguised herself by wearing a mask." Die Hypothese: Die Probanden werden sich wundern: Robber und herself klingt irgendwie fremd (siehe oben). Wundern sie sich wirklich, unterbrechen sie das Lesen bei dem Wort herself. Das Auge wandert zurück zum Schlüsselwort robber, vergleicht und liest erst dann weiter. Ein Mensch mit englischer Muttersprache hingegen würde an dieser Stelle nicht stolpern.

Hat ein Engländer allerdings lange im deutschsprachigen Raum gelebt, kann es ihm doch passieren. "Wir vermuten", sagt Scheutz im Gespräch mit dem STANDARD, "dass der Einfluss der Muttersprache auf die Fremdsprache mit wachsenden Sprachkenntnissen abnimmt. Die Gefahr semantischer Verwirrung wird damit geringer."

Translinguale Einflüsse vermeiden

Hauptziel der Studie ist, das psycholinguistische Standardmodell des zweisprachigen Gedächtnisses zu testen und auszuweiten. Bisher sei ausschließlich mit isolierten Wörtern gearbeitet worden, was die semantischen Überschneidungen überdeckt haben könnte.

Der zweite Teil des Projekts wird demnächst an der University of Notre Dame durchgeführt, wo die Computeraufzeichnungen ausgewertet und daraus ein computationales Modell für das zweisprachige Gedächtnis erstellt werden soll. Die Ergebnisse der Studie werden, ist das Duo überzeugt, Auswirkungen auf den Fremdsprachenunterricht haben. Scheutz: "Wenn man weiß, was beim Lernen neuer Sprachen passiert, lassen sich die Repräsentationen im Kopf steuern." Derzeit sei das Thema "Second Language Acquisition" in den USA, wo zu wenige Menschen Fremdsprachen beherrschen, sehr aktuell. Gesucht werden die besten Sprachübungen, die translinguale Einflüsse vermeiden helfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 12./13. 5. 2001)

Von Heide Korn
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