Mittelbau ohne Multifunktion

11. Mai 2001, 21:19
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Zwei österreichische Forschungschefs im Gespräch mit Gerfried Sperl

Arnold Schmidt, Präsident des Fonds für Wissenschaftliche Forschung: Die Multifunktionalität des Mittelbaues müsse aufhören.

der Standard: Die Fachhochschulen boomen, die Unis stehen im Reformstau. Das ist der öffentliche Eindruck. Müssen die Universitäten werden wie ihre derzeit erfolgreicheren Verwandten?

Schmidt: Mit Sicherheit nicht. Der tertiäre Bildungsbereich braucht Fachhochschulen und Universitäten. Die Fachhochschulen sind immer noch sehr klein, in gewisser Hinsicht ein Erfolg. Die Universitäten müssen darauf reagieren. Aber: Die Universität kann nicht einfach eine bessere Fachhochschule sein. Die wiederum darf nicht den Ehrgeiz haben, eine Uni zu werden. Die Universität ist der Ort von Wissenschaft und Forschung auf allerhöchstem internationalen Niveau. Das Ziel ist, ein Global Player zu sein.

Oberste Priorität ist also nicht die maximale Berufsausbildung, sondern Lehre und Forschung im Blick auf allerhöchstes Niveau.

Schmidt: Die Unis sind verantwortlich für die Ausbildung in Richtung eines bestimmten Segments. Denn es gibt einen derzeit kleinen, aber wachsenden Teil von Leuten, die durch Beschäftigung mit Forschung ausgebildet werden müssen.

Was sind die wichtigsten Reformprioritäten, um dieses Ziel zu erreichen?

Schmidt: Die große Priorität ist die Beendigung der Multifunktionalität des Mittelbaus. Im Moment gibt es parallel Post-Docs und Staff-Scientists und/oder auch bereits Uni-Professoren, vorher Doktoranden und/oder Tutoren, die oft auch Systemerhalter sind. All das gehört auseinander genommen und neu geordnet. Wie Wissenschafter entstehen und eventuell Topleute werden, ist derzeit ganz gut strukturiert. Daneben muss es die sehr gut ausgebildeten Staff-Scientists geben, die auch publizieren, bei denen die akademische Karriere aber nicht im Vordergrund steht. Außerdem braucht man Lehrassistenten, HTL-Absolventen und Sekretäre. In der ersten Kette ist es wichtig, dass die Junior-Profs jung sind und Forschungsgruppen aufbauen.

Wie regelt das die jetzt vorgesehene Reform?

Schmidt: Dafür sehen die momentanen Reformvorschläge zu lange Fristen vor.

Eine weitere Priorität?

Schmidt: Dass die Unis aus der staatlichen Verwaltung herausgenommen werden. Der Staat soll Eigentümer bleiben. Der Fonds beispielsweise ist im Staatsbesitz, ist aber eine Körperschaft eigenen Rechts. Was wir tun, ist privatrechtlich organisiert, wir haben keine Beamten, sondern Angestellte mit einem Kollektivvertrag.

Was heißt das von der Ausstattung her?

Schmidt: Zum Beispiel Verfügung über ein Globalbudget, aber auch Verfügung über den Realbesitz, der ja jetzt in die Zuständigkeit der Bundesimmobiliengesellschaft fällt.

Sehen Sie das auch so wie die meisten EU-Experten, dass es künftig zwei Drittel Fachhochschüler für den Industriebedarf und ein Drittel Uni-Studenten in diesem Gesamtsegment geben wird?

Schmidt: Ob zwei Drittel / ein Drittel, weiß ich nicht. Sicher ist, dass die Fachhochschulen wachsen müssen und die Universitäten darüber nicht böse sein dürfen. Sie müssen nur ihre Domäne optimal ausfüllen.

Wird es an den Uni-Standorten künftig auch Fachhochschulen geben? Gemessen an diesem Trend einer Art Umverteilung?

Schmidt: Die Unis werden, vollrechtsfähig geworden, schauen müssen, ob sie all den Platz, den sie jetzt haben, auch in Zukunft brauchen. Es gibt jetzt schon Uni-Gebäude, wo Firmen eingemietet sind. Warum also sollen nicht auch Fachhochschulen hereingenommen werden? Nicht zwanghaft, aber im Sinn einer vernünftigen Aufteilung.

Nicht überall alles anbieten

Für eine schlankere, aber effizientere Universitätslandschaft tritt der Germanist Werner Welzig, Präsident der Akademie der Wissenschaften, ein. Man solle nicht überall alles anbieten, sondern besser koordinieren.

der Standard: Welche Reformmaßnahmen müssen vorrangig gesetzt werden?

Welzig: Die Beschränkung auf jene Orte und Themen, die mit Erfolg von den Unis betreut werden können.

Heißt das eventuelle Schließung von Fakultäten?

Welzig: Das heißt sogar eventuelle Schließung von Universitäten. Das Wichtigste ist die Abstimmung von Studienrichtungen aufeinander. Das Prinzip, alles überall anzubieten, ist nicht haltbar.

Als Reformziel wird immer wieder die Erreichung der Qualität von Harvard und Yale formuliert. Ist das zu irreal?

Welzig: "Der Realität nicht entsprechend", wäre meine Antwort. Denn die Universitäten haben sich in Europa zu organisieren. Die EU soll auch eine Universitätengemeinschaft werden. Zudem starren wir wie fixiert in die USA. Heute ist es so weit, dass wir renommierte Wissenschafter dann, wenn sie sich bereits im Abstieg befinden, nach Europa zurückholen. Wir sollten bei uns jungen Wissenschaftern jene Arbeitsbedingungen verschaffen, die Europa zu einem Zentrum machen - das es heute nicht ist.

Was sagen Sie zur Tendenz, zwei Drittel der Studenten an die Fachhochschulen zu bringen und damit die Unis auch zu Orten von FHs zu machen?

Welzig: Die Fachhochschulen hereinzunehmen halte ich für einen unzulänglichen Rettungsversuch. (DerStandard,Print-Ausgabe,12.5.2001)

  • Höchstes Niveau und klare Karrierewege für Wissenschafter fordert Arnod Schmidt, Präsident des Fonds für Wissenschaftliche Forschung
    foto: standard/semotan

    Höchstes Niveau und klare Karrierewege für Wissenschafter fordert Arnod Schmidt, Präsident des Fonds für Wissenschaftliche Forschung

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    Für eine schlankere, aber effizientere Universitätslandschaft tritt der Germanist Werner Welzig ein

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