Hohe Schulen auf rauer See

11. Mai 2001, 21:14
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Österreich produziert mit relativ viel Geld relativ wenige Akademiker

Der Eklat am Wiener Institut für Publizistik steht stellvertretend für mehrere Probleme im heimischen Universitätswesen: Die Institutsleitung will ihre Funktionen niederlegen, wenn die Situation des aus allen Nähten platzenden Instituts im nächsten Studienjahr nicht entschärft wird. Leiter Wolfgang Langenbucher erwägt, im Wintersemester keine Lehrveranstaltungen für Erstsemestrige anzubieten. Das aber ist gesetzeswidrig.

Publizistik gilt wie Psychologie, Politologie und Architektur als Modestudium. Allein am Wiener Institut sind derzeit 7186 Hörer inskribiert. Das sei der Preis für den offenen Hochschulzugang, heißt es im Wissenschaftsressort.

Forschung? Dafür haben die Publizistiklehrer kaum Zeit. Das Fass zum Überlaufen brachte eine Änderung der Prüfungstaxen. Weil das Honorar dafür an der Uni Wien gesunken ist, gibt es weniger Mitarbeiter, die den Professoren diese Arbeit abnehmen.

Trotz des ungebremsten Andrangs hat Österreich eine niedrige Akademikerquote: Lediglich acht Prozent der Erwerbsbevölkerung über 25 Jahre kann ein abgeschlossenes Hochschulstudium vorweisen. Das Ländermittel innerhalb der OECD ist doppelt so hoch. Bei den Jüngeren nimmt der Anteil allerdings zu. Gründe für den bescheidenen Akademikeranteil sind unter anderem der hoch entwickelte Bereich der Berufsbildenden Höheren Schulen sowie die im nichtuniversitären Bereich angesiedelte Pflichtschullehrerausbildung. Österreich hat - wohl auch aufgrund der mangelnden Möglichkeiten zum Kurzstudium - aber auch eine der niedrigsten Erfolgsquoten (Studienanfänger, die ihre Ausbildung abschließen) innerhalb der OECD, wie der Bericht "Bildung auf einen Blick" (Ausgabe 2000) zeigt. Derzeit wird zögernd begonnen, den Zwischenabschluss "Bachelor" in Österreich zu etablieren. Bisher bieten ihn zwei Studien an, 17 weitere Anträge liegen vor. Deutschland hat über 400 Bakkalaureatsstudien.

Investitionen nicht gering

Bei den öffentlichen Investitionen in die Hochschulen liegt Österreich vergleichsweise gut. Allerdings wird in der Statistik einiges für die medizinischen Fakultäten verrechnet, was unter Gesundheit zu verbuchen wäre. Und es scheint Probleme bei der Verteilung der - in Summe sehr ansehnlichen - Geldmittel zu geben: "Wir haben viel zu viele Mini-schwerpunkte, das Geld wird ineffizient eingesetzt", kritisiert Georg Wöber, Generalsekretär im Universitätenkuratorium, dem Beratungsorgan des Wissenschaftsressorts. Die Zahlen bestätigen diese These: Österreich hat 150 Studienrichtungen, die 370-mal eingerichtet sind. Das ist ungefähr doppelt so viel wie in vergleichbaren Ländern. Die Zeit scheint daher reif zu sein für eine Flurbereinigung. Sie wird im Wissenschaftsressort vorbereitet, soll den Universitäten aber in Eigenverantwortung überlassen werden.

Schließlich stehen die hohen Schulen auch mehr als früher im internationalen Wettbewerb - sei es durch abnehmende Mobilitätshindernisse für Studenten, sei es durch steigende Angebote von Fernlehrgängen per Internet. "Da kommt eine ungeheure Konkurrenz auf uns zu. Wir sind nicht mehr Insel der Seligen", meint etwa der Linzer Industriemathematiker Heinz Engl, der derzeit in Oxford forscht und in den USA gelehrt hat. Das "lokale Studieren" könnte sich bald aufhören. Im internationalen Vergleich müssten sich die heimischen Universitäten "nicht verstecken", sagt Engl. "Aber es ist Zeit, etwas zu tun."

Doch es gibt auch Zorn über die Reformwut der Regierung. "Wir wurden bis jetzt in Ruhe gelassen, das war der größte Wert", sagt Adolf Frohner, der an der Uni für angewandte Kunst eine Meisterklasse leitet. Der Künstler, der nächstes Jahr als Professor emeritiert, argwöhnt, dass in Zukunft "ökonomistisches Denken" Einzug halten wird. Frohner: "Das macht mir den Abschied von der Universität leicht." (DerStandard,Print-Ausgabe,12.5.2001)

von Martina Salomon
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