"Wandel im Kopf"

11. Mai 2001, 21:03
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Die Nato-Erfahrung der Ungarn

Budapest/Wien - Die Szene hat etwas Museales. Auf dem Kasernenhof in der westungarischen Stadt Tata hat die 25. mechanisierte Infanteriebrigade "Klapka György" für die Besucher aus dem neutralen Österreich eine Musterkollektion ihrer Ausrüstung aufgebaut. Es sind Produkte ausschließlich sowjetischer Bauart, von der Kalaschnikow bis zum ebenso legendären T-72-Panzer.

Die Brigade "Klapka György" ist eine Nato-Einheit, seit dem Beitritt Ungarns zur westlichen Allianz 1999 gemeinsam mit Tschechien und Polen. Im Bündnisfall untersteht sie dem Kommando der im deutschen Rheindalen stationierten schnellen Eingreiftruppe ARRC (Allied Rapid Reaction Corps).

"Kampf bleibt Kampf"

Dass eine Brigade, deren Herzstück aus 58 schweren, veralteten Tanks besteht, nicht unbedingt den Anforderungen einer schnellen Eingreiftruppe entspricht, ist Stabschef Horváth durchaus bewusst. Freilich sei man auch in der Lage, an friedenserhaltenden Missionen teilzunehmen, meint der Oberstleutnant. In erster Linie aber bleibe die Einheit für den klassischen Kriegseinsatz geeignet. Insofern habe sich seit der Zeit, da die Brigade dem Kommando des Warschauer Pakts unterstand, nicht viel geändert: "Kampf bleibt noch immer Kampf."

Weitgehend unveränderter Charakter der Einheit seit ihrer Integration in die Nato heißt aber nicht, dass auch sonst alles beim Alten geblieben ist. Für die Herstellung der "intellektuellen Kompatibilität" mit Denkweise, Strukturen und Abläufen in der Allianz wurde das Meiste in Schulung, vor allem Sprachausbildung, investiert. An den Verbindungsstellen zur Nato sitzen Offiziere, die mindestens gut Englisch sprechen. Horváth selbst beherrscht auch das Französische.

Mehr Eigenverantwortung

Aber auch Unteroffiziere in Schlüsselpositionen müssen gut Englisch können. Anders als im Warschauer Pakt mit seiner starren Kommandokette übernehmen NCOs (Non-Commission Officers) im Nato-Kontext auch Führungsaufgaben. Und das ist durchaus symptomatisch für einen grundlegenden Wandel. "Die Änderung fand in den Köpfen statt", drückt Horváth es aus. Der "westliche Weg" orientiere sich stärker an der zu erfüllenden Mission und weniger an den formalen Abläufen. Eine Aufgabe sei zu bewältigen - wie, das liege weit mehr als früher in der Verantwortung der jeweiligen Kommandanten einer Einheit.

Dass sich auch bei seiner Einheit noch viel tun muss, damit das generelle Nato-Konzept größerer Flexibilität und Beweglichkeit für raschen Einsatz in Krisenfällen umgesetzt wird, darüber ist sich der Stabschef der 25. ungarischen Brigade im Klaren. Trotzdem hält er das Rückgrat der Einheit keineswegs für überholt: Anders als das Gebirgsland Österreich werde das flache Ungarn zur Verteidigung auch weiterhin Panzer brauchen.

Reformziel Mobilität

Im Verteidigungsministerium in Budapest sieht man das etwas anders. Hauptziel der Armeereform, die bis 2010 abgeschlossen sein soll, sei Mobilität, sagt Peter Siklósi, Leiter der Hauptabteilung Verteidigungspolitik: eine schlankere, leichtere, beweglichere Truppe von nur noch 38.000 Soldaten. Noch vor wenigen Jahren betrug die Truppenstärke 62.000. Ob die allgemeine Wehrpflicht fallen wird, ist politisch umstritten. Siklósi hält es für möglich, dass die Wehrpflicht auf eine kurze Ausbildung zum Dienst in einer Art Nationalgarde - für den allgemeinen Verteidigungsfall - reduziert wird.

Ohne Nato-Beitritt hätte Ungarn weit mehr in die Modernisierung seiner Streitkräfte investieren müssen, gibt sich Siklósi überzeugt: "Eine eigenständige Verteidigung käme uns viel teurer." Vor zehn Jahren machte das Verteidigungsbudget 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Dann sank es auf 1,2 Prozent. Mit der Nato-Mitgliedschaft verpflichtete sich Budapest auf eine jährliche Steigerung um 0,1 Prozent des BIP. Derzeit hält man bei 1,81 Prozent. (DER STANDARD, Print, 12.5.2001)

Josef Kirchengast
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