Belgien und die Nazivergangenheit

11. Mai 2001, 21:07
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Der Fall des Exministers Sauwens stößt eine Debatte zwischen Wallonen und Flamen an

Sie hatten sich freiwillig zum Kampf an der deutschen Ostfront gemeldet, hassten die Kommunisten, fanden die Rassenideen der Nazis sympathisch - und waren flämische Nationalisten. So ähnlich lassen sich die Biografien der Waffen-SS-Veteranen zusammenfassen, die sich vergangenen Samstag in Antwerpen trafen. Die Tatsache, dass auch Johan Sauwens, bis Mittwoch Innenminister der Region Flandern, dort war, hat nun eine Debatte über Belgiens Vergangenheit ausgelöst.

Angestoßen hat sie ein wallonischer Liberaler: Außenminister Louis Michel. Er gratulierte in einem Aufruf, der am Freitag veröffentlicht wurde, Flanderns Regionalparteien dafür, dass sie geschlossen - natürlich mit Ausnahme des rechtspopulistischen Vlaams Blok - Sauwens Rücktritt gefordert und bewirkt hatten. Damit hätten sie bewiesen, dass sie "dieselben Werte wie wir" teilten und die "Demokratie in Flandern fest verwurzelt" sei. Die französischsprachigen Belgier sollten diese Gelegenheit nutzen, um die gemeinsame Geschichte neu zu diskutieren.

Wie in Frankreich gab es auch in Belgien Naziopfer auf der einen und Kollaborateure auf der anderen Seite. Doch anders als die Franzosen stilisierten sich die Belgier nach dem Krieg nicht kollektiv zu Widerstandskämpfern. Vielmehr verstärkte sich der Riss, der schon vorher durch das Land ging: Alle flämischen Nationalisten wurden pauschal als Kollaborateure verdächtigt - und Tausende als solche verurteilt. Fälle wie der des SS-Sturmbannführers Robert Jan Verbelen, der wegen Massenmordes zum Tod verurteilt, 1959 aber von Österreich ganz unbürokratisch eingebürgert worden war, bestätigten dieses Bild.

Die Wallonen sahen sich hingegen vor allem als Opfer. Und das, obwohl Historiker heute darauf hinweisen, dass auch eine gehörige Zahl französischsprachiger Belgier sich freiwillig zum Dienst in Hitlers Truppen gemeldet hatte. Dennoch stößt in der Wallonie bis heute jeder Vorstoß, zumindest diejenigen zu amnestieren, die sich als Jugendliche von der Hitlerjugend hatten verführen lassen, auf kategorischen Widerstand. Folgerichtig fordert Michel daher nun in Belgien eine Debatte "mit Objektivität, Ernst und innerem Abstand".

Doch schon wird gemutmaßt, er wolle nur bei den flämischen Nationalisten Schönwetter machen. Die braucht er, um eine Zweidrittelmehrheit für die kürzlich ausgehandelte Verfassungsreform zu bekommen. (DER STANDARD, Print, 12.5.2001)

STANDARD-Mitarbeiter Jörg Wojahn aus Brüssel
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