Literaturnobelpreisträger Dario Fo: Tirade auf das Italien des "Patrons" Silvio Berlusconi

11. Mai 2001, 20:58
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Mit der Schnauze in die Scheiße

Der Theatermacher Dario Fo hat in einem Gespräch mit dem Italien-Korrespondenten der "Weltwoche", Johannes von Dohnanyi, seinem Unmut über die sich abzeichnende Machtübernahme der Forza Italia freien Lauf gelassen. Das Interview wurde live aufgenommen und unzensiert niedergeschrieben - samt Versprechern und spontanen Wutausbrüchen - und erscheint hier in leicht gekürzter Form. Fotos: Newald

Also, ich habe ja immer großen Respekt vor der Intelligenz der Menschen gehabt. Aber die Richtung, in die Italien sich bewegt - das ist so paradox, so absurd, so ungerecht. Schuld mag ja das Fernsehen sein, oder ... das Kima ... oder auch die Logik, dass jeder sich nur um den eigenen Kram kümmern sollte, und dass es wichtig ist, Geld zu machen, und dass die Macht denen zufallen sollte, die es verstehen, Geld zu machen. Aber ganz ehrlich: Was hier passiert - das sind Ohrfeigen für die Intelligenz.

Wie soll man das alles sonst erklären? Es braucht schon ein gerüttelt Maß an Zynismus ... oder ...

Es ist doch wirklich idiotisch zu glauben, dass, wenn du einen wählst, der sich aufs Geld verdienen versteht, dass der dann Geld auch für dich machen wird. Quatsch! Der Reiche ist nur deswegen reich, weil er niemandem was abgibt.

Natürlich rede ich über Berlusconi. Wie kann man nur einen Mann akzeptieren, der nicht mit einer politischen Partei, sondern mit einem politischen Unternehmen antritt. Denn nichts anderes ist Forza Italia. Berlusconi hat seine Kandidaten ausgesucht. Er hat sie ins Rennen geschickt. Er hat die Werbung dominiert. Und hinterher wird er die Stimmen, die er einkassiert, unter ihnen verteilen. Was sage ich da? Kandidaten? Angestellte sind das, die die Interessen ihres Patrons vertreten.

Und wissen Sie, was das bedeutet? Bei jeder Entscheidung des Parlaments müsste die Hälfte der Abgeordneten den Saal eigentlich wegen Interessenkonflikts verlassen. Wie man da überhaupt noch abstimmen kann, das muss mir erst noch einer erklären.

Ich übertreibe? Nur weil ich sage, dass Berlusconi sich eigentlich gar nicht zur Wahl stellen dürfte, weil es bei der Frage des Interessenkonflikts um eine moralische Frage geht? Dann will ich Ihnen etwas sagen: Der Mann hat so viel Einfluss auf die italienische Wirtschaft, dass seine Interessen immer berührt sind.

Also ein neues Fernsehgesetz zum Beispiel? Er besitzt Fernsehstationen. Ein Versicherungsgesetz? Er besitzt Versicherungen. Filmförderung vielleicht? Berlusconi ist auch Produzent. Und Besitzer von Supermärkten, von Banken, von Bauunternehmen. Und so könnte ich noch zehn Minuten fortfahren.

Doch da ist ja noch mehr. Es wird etwa darüber geredet, wie Berlusconi mit so viel Milliarden Lire ins Geschäft einsteigen konnte. Die hat er ... na ja ... gefunden, wie genau ... und woher die kamen, weiß man nicht. Wir wissen nur, dass ein peinlich genaues Ermittlungsverfahren im Gang ist.

Und dabei sind etwa 60 seltsame, versteckte, geheime und maskierte Holdings entdeckt worden, von denen er nichts zu wissen behauptet. Er leugnet einfach alles. Aber über tausend Seiten des Ermittlungsverfahrens zeigen, dass Berlusconi mit Tricksereien und, sagen wir mal, nicht immer ganz oben an der Oberfläche ...

Macht ihn das zum Mafioso? So schwere Anschuldigungen kann ich nicht machen, solange es keine prozessuale Sicherheit gibt. Aber sicher hat er mit der Mafia zu tun gehabt. Einer der Bosse hat in seinem Haus gelebt. Und den hat er wohl kaum nur aus Sympathie bei sich aufgenommen. Und keiner soll mir erzählen, dass Berlusconi nichts wusste. Denn derjenige, der ihm den Mafioso ins Haus brachte, ist einer von seinen besten Freunden, gegen den jetzt ebenfalls im Zusammenhang mit der Mafia ermittelt wird.

Dauernd ist er im Gespräch. Im negativen Sinn, will ich sagen. Keine Ahnung, wie viel er für seine Rechtsanwälte hinlegen muss - wie er das macht -, denn er ist ja in schlimme Korruptionsaffären verwickelt. Schmiergelder an die Finanzpolizei, an Richter - natürlich alles Leute, die sich haben bestechen lassen. Aber er ist so, wie soll ich sagen, bezentnert mit Affären, dass es mich schaudern macht. Nicht, dass es Prozesse gegen ihn gibt, sondern die Zahl der Verfahren macht Eindruck.

Und dass er über all dies hinwegfegt wie ein Panzer, wie ein Bulldozer. Wo man bei ihm hinschaut - immer ist da irgendwas Illegales. Wie er auftritt, seine Rechtsansprüche, sein Geld, wie mit der Hilfe seines guten Freundes und Premiers Bettino Craxi außerordentliche Vergünstigungen zur Rettung seiner Fernsehstationen erhielt - alles illegal. Und mit all dem hat er unglaublich viel Geld gemacht, und weitere Vergünstigungen bekommen, unglaubliche Vorteile. Und dann ... ach ja, dann war er auch noch Mitglied der illegalen geheimen Freimaurerloge P 2. Und er ist verurteilt worden, weil er das Gericht belogen hat.

Und trotz all dem kann er auf Unterstützung aus vielen Kreisen zählen. Auch der Kirche. Denn auch die verfolgt natürlich ihre Interessen. Etwa in Fragen der Wirtschaft und der Schule. Berlusconi hat der Kirche große Freiräume in Aussicht gestellt. Eine vom Staat subventionierte Kirche, die Rückkehr also zur, äh, wie soll ich sagen, katholischen Leitkultur. Das ist auch so einer von Berlusconis Tiefschlägen. Und, wissen Sie, alles zusammen ...

... alles zusammen ist er ein skrupelloser Mann. Wie anders soll man sonst seine Wahlbündnisse mit der Rechten interpretieren? Doch wie alle, denen es in Wirklichkeit nur um ihre eigenen Interessen geht, tut er so, als verfolge er eine Ideologie und als habe er eine Moral. Tatsächlich hat Berlusconi von Moral keine Ahnung. Woher sollte er auch? Er ist ein patentierter Lügner. Einer der größten Lügner in der italienischen Geschichte.

Aber wissen Sie, was mir am meisten Angst macht? Wenn einer dazu fähig ist, auf das Leben seiner Kinder zu schwören, wenn es um Fragen von Macht und Geld geht.

Was mir in dieser ganzen Katastrophe besonders übel aufstößt, ist die Verantwortung der Regierung der linken Mitte. Geradezu sklavisch hat die Linke Berlusconi im Spiel gehalten, weil sie glaubte, dadurch ihre Position bei den Wetterfahnenparteien des Zentrums verbessern zu können. Nur deshalb ist es überhaupt so weit gekommen.

Und jetzt ist die Katastrophe da. Dass es so kommen würde, sage ich schon seit zwei Jahren. Die Frage ist jetzt nur noch, wie Europa reagieren wird. Irgendwie hoffe ich ja, oder besser will ich hoffen, dass angesichts dieses ... dieses Klimas, das sich in Italien abzeichnet, und wegen der Bedeutung Italiens für das europäische Gleichgewicht, also dass, wenn ..., also dass dann moralische Grundsätze in die Schlacht geworfen werden.

Aber meine Befürchtung ist, dass ... manchmal tanzen die Manager, die Chefs und die gewählten Vertreter Europas einen Tango, der mir überhaupt nicht gefällt. Da werden dann Kompromisse hingenommen, da lässt man Dinge laufen und werden sehr zweideutige Positionen bezogen. Meine Angst ist, dass Europa Berlusconi schlussendlich an den Machthebeln lassen könnte. Und dann müssten die Italiener mit dieser Geschichte allein fertig werden.

Wie das gehen soll? Wie die Leute kapieren sollen, was da eigentlich los ist? Das ist wie bei kleinen Katzen, die stubenrein werden sollen. Genauso wie den Katzen muss auch den Italienern das Gesicht in die Scheiße gesteckt werden, damit sie es begreifen. Ich meine, ich habe wirklich viel Respekt vor der Intelligenz der Leute, aber was jetzt geschieht, ist entweder Gleichgültigkeit oder allgemeine Verblödung.

Der Journalist Indro Montanelli hat das feiner ausgedrückt. Der hat Berlusconi als Krankheit bezeichnet, an der Italien sich erst richtig anstecken muss, bevor wir die nötigen Antikörper bilden, die uns dann ein für alle Mal von Berlusconi befreien. Und vielleicht hat er ja Recht. Vielleicht muss es bei dieser schweren Krankheit zu einem ernsten Fieberschub kommt, der uns dann rettet.

Aber jetzt sind wir erst einmal am Anfang der Krise. Berlusconis Anwalt und früherer Verteidigungsminister Cesare Previti hat schon angekündigt, dass er unter den Kritikern seines Herrn reinen Tisch machen wird, und dass es dabei keine Gefangenen geben soll. Also, davor habe ich nun wahrlich keine Angst. Ich hab schon immer zu denen gehört, die von allen Seiten mundtot gemacht werden sollten. In dem Punkt habe ich mit meiner Frau Franca Rame wohl Rekorde aufgestellt. Und wissen Sie was? Ich bin da auch noch stolz drauf. Ich bin stolz, bisher noch immer auf dem Karren der Verlierer gestanden zu haben.

Dario Fo, eine der schillerndsten Figuren der internationalen Theaterszene, wurde im deutschsprachigen Raum vor allem mit seinen satirischen Volksstücken und Politfarcen in der Commedia dell'Arte Tradition wie "Bezahlt wird nicht", oder Hilfe, das Volk kommt" berühmt; der heute 75-Jährige wurde mehrfach auf offener Bühne verhaftet, erhielt 1997 überraschend den Nobelpreis und lebt mit seiner Frau und Koautorin Franca Rame in Mailand. (DER STANDARD, Print,

Übersetzung: Johannes v. Dohnanyi; "Weltwoche", Zürich
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