... und wir möchten am liebsten die Flucht ergreifen

11. Mai 2001, 20:17
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Waltraud Prothmann über den Muttertag als "Terrorinstrument" und "Zahltag aufoktroyierter Dankbarkeit" - Ein Betroffenenbericht

Die Mütter! Mütter! - 's klingt so wunderlich! (Faust II)

Meine Mutter hatte einen Haufen Ärger mit mir, aber ich glaube, sie hat es genossen." Als Mark Twain das sagte, gab es vermutlich noch keinen Muttertag. Nicht einmal, dass die eigene Mutter tot ist, das Gedächtnis nachlässt und unsere erwachsenen Kinder diese Art Brauchtum verspotten, kann uns davor bewahren: Der Muttertag ist allgegenwärtig. Die Blumenhändler bleuen ihn uns ein; Inserate, Werbespots und Geschenkläden setzen uns unter Druck, Jahr für Jahr. Ausgerechnet im Monat Mai, der so schön sein könnte, würden wir ihn nicht immer wieder preisgeben - gegen unsere arg- und kinderlosen Schwestern. Ein Terrorinstrument, dieser Muttertag!

Weil er uns Frauen, die wir gegenseitige Freundschaft und Solidarität so sehr brauchen, hinterlistig voneinander trennt. Eine Flut sentimentaler Schnulzen soll uns jeden Frühling aufs Neue dazu verführen: Mehr oder weniger heimlich sollen wir glauben, als Mütter eventuell doch die besseren, vollständigeren weiblichen Wesen zu sein.

Zur Strafe stecken wir am Muttertag ganz schön in der Zwickmühle. Wenn wir uns nämlich nicht nur den Erwartungen der eigenen aufopfernden Mutter ausgesetzt fühlen, sondern auch der genötigten Kindern, deren Lob und Dank wir jetzt - möglichst gerührt - entgegennehmen sollen. Zugegeben, wir haben manches falsch gemacht. Könnte man uns nicht trotzdem von diesem Zahltag oktroyierter Dankbarkeit erlösen? Welche Schuld müssen wir abtragen, während wir diese geheuchelten Lieder und Verse erdulden - und all die furchtbar hässlichen Andenken? Dass wir aus lauter Dankbarkeit für einen "Kinderscheck" womöglich nicht mehr tun können, was uns lieber wäre, oder dass eine bedauernswerte Mutter unsretwegen nicht tun konnte, was sie gern getan hätte?

Danke für die Blumen!

Welchen unerfüllten Träumen hängt sie nach, wenn sie tapfer seufzt: "Ich hatte ja euch"? Uns wird das Herz plötzlich schwer, und wir möchten am liebsten die Flucht ergreifen. Schließlich haben wir Alice Miller und das "Drama des begabten Kindes" gelesen und wissen, dass uns nichts so sehr gefördert hätte wie ein glückliches Leuchten in ihren Augen, dass es uns gibt. Einfach weil wir sind, wie wir sind: frech am Leben, unverwechselbar, originell. Stattdessen: Vielen Dank für das große Opfer, das wir unsrer Mutter abverlangten - Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen zur Buße, weil wir ihr das Leben verdorben haben?

Kürzlich interpretierte Eugen Drewermann das Märchen vom "Wolf und den sieben Geißlein". Seither wissen wir, dass sich in der "alten Geiß", die es mit ihren Kindern so herzlich gut meint, auch ein "böser Wolf" verbergen und so verwandelt zu den eigenen Kindern zurückkehren kann. Es sei die sich rächende Wunschenergie, der sich aufopfernde Mütter nicht stellen, hörten wir, weil ein moralischer Auftrag sie lehrte, hübsch bescheiden, anspruchslos und immer für ihre Kinder da zu sein.

Und wirklich, waren wir nicht schon öfter Zeuge einer Präsentation unermüdlicher öffentlicher Mutterschaft, wenn sich diese verbannte Sehnsucht nach Anerkennung etwa im Restaurant oder Café kompensatorisch Luft macht? Urplötzlich entblößen sich gewaltige Brüste und lassen ein anonymes Publikum am schmatzenden Wohlbehagen eines Säuglings teilhaben.

"Wer seinen Kindern das Ich opfert", schrieb Peter Schellenbaum, "wird sich eines Tages für diesen Verlust an ihnen rächen." Ob der Muttertag selbst schon ein Stück dieser kollektiven Rache ist? Das ahnte möglicherweise ein Dreijähriger, der an einem solchen Maientag heulend auf einer Gehsteigkante zappelte, während sich seine junge Mutter abmühte, ihm die Schuhe zuzubinden. Zornig über die unerwünschte Störung brüllte er frustriert über den Jedermann-erprobten Salzburger Domplatz: "Du bist die allerblödeste Mutter vom ganzen Muttertag."

Waltraud Prothmann ist Kommunikationspädagogin und Publizistin in Salzburg.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.05.2001)

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