Uni-Reform: Angst vor Veränderung - von Martina Salomon

11. Mai 2001, 19:24
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Zu Beginn jedes Studienjahres ziehen sie unter großer öffentlicher Anteilnahme mit Pomp und Selbstvertrauen von der Universität in die Marienkirche: die Lehrenden und Studierenden im polnischen Krakau. Der Anlass ist dem örtlichen Fernsehen wichtig genug, um live zu übertragen. Man ist stolz auf die Intelligenzija des Landes. Und wie steht's um unsere Unis? Sie rücken gerade verstärkt ins öffentliche Bewusstsein. Das ist gut. Schlecht ist, mit welchen Themen dies geschieht. Denn diese erwecken den Anschein, als wären lebenslanger Kündigungsschutz und "geschlossene Karrieren" der einzige Garant für Freiheit und Kreativität der Forschung.

Aber geht es in Wirklichkeit nicht um völlig anderes? Etwa darum, welche Bildungsinhalte künftig wichtiger genommen werden müssen? Und darum, ob die hohen Schulen flexibel genug sind, um auf neue, internationale Entwicklungen schnell genug zu reagieren? Ist es nicht eher so, dass sich das Forschungs- und Lehrangebot nach den Bedürfnissen und Interessen des an einem Institut zufällig vorhandenen Lehrpersonals und viel weniger an anderen, vielleicht rationaleren Kriterien orientiert? Abgesehen davon können selbst emeritierte Professoren theoretisch bis zu ihrem Ableben weiter unterrichten, was nicht selten dazu führt, dass 75-Jährige Einführungsvorlesungen halten. Und niemand wagt es, dagegen etwas einzuwenden. Das wird im neuen Dienstrecht übrigens geändert.

Universitätsreformen sind besonders schwierig - weil die hohen Schulen ja kein homogener, aber besonders sensibler und mobilisierbarer Bereich sind. Auch wenn an den Unis - zum Teil mit einigem Recht - über die chaotische Reformflut gestöhnt wird: Jetzt ist die Chance zu einer umfassenden Erneuerung da. Schließlich haben alle Beteiligten, inklusive der Medien, ständig über die Reformresistenz des Bildungsbereichs geklagt - über zu wenig Autonomie der Unis, gängelnde Ministerialbürokratie, überbordendes Beamtentum und Unflexibilität. Dass einige radikale Änderungen mit Sparzeiten und einer teils heftig abgelehnten Regierung zusammenfallen, hat das Misstrauen der Betroffenen logischerweise erhöht.

Doch auch weniger verdächtige Politiker haben sich ganz ähnlichen Zielen verschrieben. So wird im rot-grünen Deutschland über ein vergleichbares Hochschullehrer-Dienstrecht verhandelt. Die Konservativen sind übrigens dagegen. Der SPD-Vordenker Peter Glotz meinte kürzlich: "Wir brauchen mehr Wettbewerb in der Bildung. Wenn Schulen und Hochschulen selbstständiger wirtschaften und ein eigenes Profil entwickeln können, dann werden sie besser. Wir müssen bei allen Beteiligten mehr Eigeninitiative wecken."

Auch hierzulande sind viele zu satt und zu selbstzufrieden. Ein Blick über den eigenen Tellerrand würde beispielsweise zeigen, dass in einigen ehemals kommunistischen Nachbarländern mit weniger Geld und Jobsicherheit gerade ein höchst aktiver Wissenschaftsraum entsteht. Es wäre arrogant zu glauben, dass wir uns deshalb nicht anstrengen müssen.

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