Unendliche Träume

30. Mai 2001, 08:01
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Die 20-stündige Oper "Mudan Ting"

Wien - Ein Herr mit buntem Fächer in der Hand tritt auf, nimmt in edler Haltung Platz im Pavillon und lässt sich vom devoten Diener Tee servieren. Wie er sich gestärkt hat, beginnt er zu erzählen, und so darf sie starten, die Geschichte von der edlen, schönen Du, die im Traum ihren Liebsten Liu erspähte und an der Realität zerschellt, die sie den Liebsten nicht finden lässt. Unerfüllte Liebe lässt sie erkranken und sterben, doch sie wird auferstehen, und es wird ein Happyend sein, doch gemach, in Mudan Ting ("Der Päonienpavillon") hat die Zeit sehr viel Zeit ...

Diese chinesische Oper der Ming-Dynastie aus dem 17. Jahrhundert hat 55 Szenen und dauert insgesamt an die 20 Stunden (Konzeption und Inszenierung: Chen Shi-Zheng). Die Wiener Festwochen haben diese sechsteilige Traumgeschichte von Schriftsteller Tang Xianzu (1550-1616) auf drei Abende verteilt, was für jeden doch noch gute sieben Stunden übrig lässt, wie sich der Besucher im Museumsquartier (Halle E) überzeugen konnte.

Liebesgeschichte hin, Auferstehung her: Das Stück ist auch ein buntes Spektakel, das Einblicke in die Ming-Gesellschaft gewährt. Lehrer, Mönche, Diener und Präfekt dürfen ausgiebig monologisieren, poetisch abheben und die Bühne freimachen für ulkigen Slapstick, für Zirkusnummern, Stelzentanz und ziemlich spleenige Gelehrte.

Das Ambiente allein fesselt den Blick für eine ziemliche Weile. Zentral postiert ist ein Holzpavillon der Ming-Zeit, vor dem ein zierlicher Teich mit Enten, Goldfischen und Wasserpflanzen für naturalistisches Flair sorgt. Rechts ist ein zwölfköpfiges Orchester postiert, das mehr als 200 Arien der 21 Darsteller begleitet, die 160 Rollen verkörpern.

Aber keine Bange: Es wird dem Besucher während der Vorstellung Tee serviert; gemäß einer alten chinesischen Operntradition ist es ihm auch gestattet, während der Traumgeschichte den Zuschauerraum nach Belieben zu betreten oder zu verlassen (in der Pause werden gar chinesische Speisen angeboten). Bei der Premiere des ersten Teiles machte vor allem Festwochen-Theaterchef Luc Bondy Gebrauch von dieser speziellen Möglichkeit.

Er versäumte womöglich den zwischen Euphorie und Schmerz angelegten Monolog von Du; einer Feder gleich schwebt Qian Yi durch den Pavillon und zelebriert die Verschmelzung von Tanz, Schauspiel und Musik. Ihr Gesang darf stellvertretend für die gesamte Stilistik stehen. Er ist lyrisch, er ist sehr hoch und artifiziell angelegt, und niemals endet seine Zuneigung zum großzügig eingesetzten Glissando, das nur die Enten ungerührt ließ. Quak!

Die Fingerhaltung!

Alles dauert, bis der Gong die Szene beendet und die nächste einläutet, die der Erzähler dann mitunter vorstellt. In der nächsten wird das Orchester wieder seine pentatonischen Künste praktizieren, einmal sanft, dann wieder perkussiv. Dann wieder schneller und lauter - je nach Gefühlslage der Protagonisten, bei denen man auch auf die jeweilige Haltung von Hand und Finger achten sollte. Es ist nämlich eine Kunst der feinen Details, die sich hier vorstellt. Und als poetische Schule der Wahrnehmung und Geduld fungiert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 5. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

Mudan Ting,

Teil III und IV:
Samstag, 15.30 Uhr;

Teil V und VI
Sonntag, 15.30 Uhr
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