"Musik ist eine terroristische Kunst"

3. Juli 2006, 19:37
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György Ligeti über Komponieren, politische Musik und Stanley Kubrick.

Vielen gilt György Ligeti als der bedeutendste Komponist der Gegenwart. 1923 in Siebenbürgen geboren, emigrierte er 1956 in den Westen. Mit Wolfgang Schaufler sprach er über das Handwerk des Komponierens, politische Musik und seine Beziehung zu Stanley Kubrick.


Wien - "Ich schreibe nicht Minimal Music, ich schreibe Maximal Music" - derart markierte György Ligeti einst die Grenzlinien seiner Ästhetik, um zugleich anzudeuten, dass man diese kaum ziehen kann. Zu heterogen ist sein Werk, mit Ausläufern in traditionelle Formen wie auch in sprunghaft fiebrige Klang-und Formstrukturen. Am Freitag wurde in einem Festwochen-Konzert im Konzerthaus seine achtzehnte Klavieretüde uraufgeführt, als vorläufiger Endpunkt eines Zyklus, der jetzt schon als Klassiker der Moderne, ja der gesamten Klavierliteratur gilt.

STANDARD: Sie sind durch den Wegfall einer verbindlichen musikalischen Grammatik eigentlich in einer schwierigen Situation. Unmittelbar Perfektes zu schreiben, wie das Mozart noch konnte, ist heute ja im Grunde unmöglich.

Ligeti: Ich erfinde meine musikalische Sprache stets neu, liefere Wörterbuch und Grammatik, so wie das Adorno einmal gesagt hat, gleichzeitig mit. Mozart hat dank der funktionellen Tonalität unglaublich originelle Stücke in einer allgemein gültigen Grammatik geschrieben. Das ist heute nicht mehr möglich. Oder nur für Komponisten, die zurück zur Tonalität gehen. Ich verachte das.

STANDARD: Sie organisieren als Komponist überaus komplexe Strukturen. Wie spüren Sie, wenn sich Sinn einstellt, wenn die "Zahnräder greifen"?

Ligeti: Das passiert unbewusst. Ich reflektiere dabei nicht. Ich mache. Das ist Handwerk.

STANDARD: Handwerk plus?

Ligeti: Das "Plus" weiß ich nicht. Das ist keine falsche Bescheidenheit. Ich weiß es wirklich nicht.

STANDARD: Anton von Webern sprach in diesem Zusammenhang von einem "Geheimnis".

Ligeti: Solche esoterischen Ausdrücke mag ich nicht.

STANDARD: Sind Sie Agnostiker?

Ligeti: Ich glaube weder an Ideologie noch an Religion. Ich bin antiautoritär. Charles Darwin hatte die Dinge schon gut erkannt. Ich glaube an die Naturwissenschaften, an die Selektion. Alles andere ist Poesie. Sir Charles Popper hat mich einmal sehr beschimpft, als ich über Neuerung und Originalität sprach. Er fragte mich, warum ich nicht in C-Dur schreiben würde, so wie Haydn. Das war natürlich auch eine persönliche Polemik gegen Schönberg. Den hat er gehasst. Mit Recht.

STANDARD: Weil er vom "Primat der deutschen Musik" für die nächsten hundert Jahre gesprochen hat?

Ligeti: Schönberg war eindeutig deutsch-nationaler Chauvinist.

STANDARD: Sie sind politischer Flüchtling, haben aber nie politisch komponiert.

Ligeti: Ich lehne politische Propaganda in der Musik ab. Das ist ein Irrweg. Luigi Nono und Hans Werner Henze akzeptierten, in Kuba von Castro in Luxushotels eingeladen zu werden. Ich würde so etwas nie tun. Die können da keinen objektiven Eindruck über die tatsächlichen Verhältnisse bekommen.

STANDARD: Wo stehen Sie politisch?

Ligeti: Ich stehe linksliberal. Ich war einmal Sozialist, aber das hat man mir in Ungarn ausgetrieben. In Österreich hätte ich natürlich lieber die verfilzte und verkrustete SPÖ an der Regierung. Die aktuelle politische Entwicklung sehe ich als Katastrophe.

STANDARD: Die Neue Musik hat im Vergleich zur neuen bildenden Kunst erschreckend wenig Publikum. Warum?

Ligeti: Ich habe eine triviale Antwort: In einem Museum kann ich bei einem Bild, das mir nicht gefällt, weitergehen. Ein Konzert kann ich nur sehr schwer verlassen, weil es sich nicht schickt. Musik und Theater sind terroristische Künste. Ein Buch kann ich weglegen. Im Konzert bin ich in einer Zwangssituation.

In der bildenden Kunst gibt es zudem einen snobistischen Zug. Warum zahlt man so viel für Joseph Beuys? Das Klima wird gemacht von Cliquen, Galeristen, Museumsdirektoren. Es gibt eine Lobby. Die ist viel ausgeprägter als in der Neuen Musik. Ein Bild kann ich verkaufen. Die Musik erklingt und ist wieder verschwunden. Nur wenn ich bekannt bin, bekomme ich einen Kompositionsauftrag.

STANDARD: Sie haben durch Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" dennoch als fast unbekannter Komponist ein Millionenpublikum erreicht. Hat Ihnen das später geholfen?

Ligeti: Für mein Komponieren hat das nie eine Rolle gespielt. Für die Akzeptanz hatte es nachträglich eine propagandistische Wirkung. Ich habe Kubrick nie getroffen, bin aber ein absoluter Fan von ihm. Wie er auf mich gekommen ist, weiß ich nicht. Es gab damals noch nicht alles auf Platte, was er verwendet hat. Ich war sehr böse auf ihn, weil ich vom Filmprojekt nichts gewusst hatte, kein Geld bekommen hatte. In einem BBC-Interview habe ich mich darüber beschwert. Dann hat er mir einen irrsinnig bösen Brief geschrieben, ich solle das klarstellen und zurücknehmen. Ich hatte nämlich behauptet, dass es keinen Vertrag mit mir gibt. Ich habe Kubrick geantwortet: Können Sie mir eine Kopie des Vertrages zusenden? Darauf kam keine Antwort mehr.

STANDARD: War Kubrick selbst unseriös?

Ligeti: Er ist sicher seriös und ohne böse Gedanken gewesen. Er hatte geglaubt, die Sache sei erledigt, weil an einen anderen Komponisten, Alex North, Geld überwiesen worden war, dessen Musik dann aber nicht verwendet worden ist.

STANDARD: Bei "Eyes Wide Shut" wurden Sie dann gefragt?

Ligeti: Da war alles korrekt.

STANDARD: Der Film hat Ihnen aber nicht so gut gefallen.

Ligeti: Sex ist nichts für Kubrick. Und Schnitzler passt nicht zu New York.

STANDARD: Aber Sex passt zu New York.

Ligeti: Das passt zusammen.

STANDARD: Würden Sie auch Filmmusik komponieren?

Ligeti: Das korrumpiert nur. Man muss auf die Sekunde genau komponieren, ist vom Filmschnitt abhängig. Das ist bloß eine Serviceleistung, um Geld zu verdienen. Sie wissen, warum Schostakowitsch Filmmusik geschrieben hat: nur aus Angst vor Stalin. Ich brauche das nicht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 5. 2001)

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