So weit das Auge nicht reicht

11. Mai 2001, 23:14
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Die Ausstellung "Rundum Berge" breitet die Geschichte der Faltpanoramen aus

Innsbruck - Sie gehörten jahrzehntelang zum handlichen Utensil Bergbegeisterter, dienten Geologen zur genaueren Darstellung von Details im Gebirge, und sie haben die Sicht auf die Bergwelt nachdrücklich geprägt: die ehemals in Massenauflagen verbreiteten Faltpanoramen.

Geübter Blick

"Die Eroberung des Gebirges ist nicht nur das Ergebnis körperlicher Anstrengung der frühen Alpinisten, sondern vielleicht noch viel mehr das Ergebnis eines immer wieder eingeübten Blicks", meint der Kulturhistoriker Anton Holzer in seinem Begleittext zur Ausstellung "Rundum Berge", die erstmals die erstaunliche Panoramensammlung des Alpenverein-Museums in Innsbruck präsentiert.

Die vom Büro Rath & Winkler konzipierte Schau (Kuratoren: Elisabeth Ihrenberger, Alfred Gruber und Anton Holzer) zeigt die Geschichte eines nachhaltig wirksamen Massenmediums, das Mitte des 19. Jahrhunderts die großen Rundgemälde abgelöst hat und Anfang des 20. Jahrhunderts von der billigeren Fotografie wieder verdrängt wurde. Von 30 Zentimeter kleinen Schwarz-Weiß-Drucken bis zu meterlangen, aufwendig gestalteten Farbbildern reicht das Spektrum der Falter, die vor allem als Beilagen zu Jahrbüchern der alpinen Vereine (Auflagen bis zu 70.000 Stück) sowie im Taschenformat Verbreitung fanden.

Hotels, Bahngesellschaften oder Touristenklubs wussten das Medium für den beginnenden Ansturm ins Gebirge zu nutzen. "Kaum eine Berghütte, die auf sich hielt", sagt der Kulturhistoriker Stephan Oettermann, "die nicht eine Rundsicht von ihrem Standort angeboten hätte."

Hilfreich für die Verbreitung war der um 1830 entwickelte Steindruck, der eine schnelle und billige Herstellung und auch die Einfärbung ermöglichte. Eine Exkursion heute, Samstag, gibt Einblick in die letzten Lithographenwerkstatt Westösterreichs, "Stecher & Stecher" in Wildermieming.

Von Anfang an diente das Faltpanorama auch naturwissenschaftlichen Zwecken: der anschaulichen Darstellung von geologischen und morphologischen Erkenntnissen wie auch der - umstrittenen - vereinheitlichten Benennung von Graten und Gipfeln. Trotz aller geforderter Präzision erweisen sich die Panoramen aber als geschickte Inszenierungen: Der Zeichner Johannes Frischauf empfahl, "in die Mitte des Bildes den schönsten Theil der Aussicht" zu stellen, "während die gleichgiltigen Partien links und rechts vertheilt sind". Einige der meist unbekannt gebliebenen Zeichner scheiterten im Bemühen um Detailgenauigkeit: Albert Bosshard konnte auch nach 50 Anläufen auf den 3614 Meter hohen Tödi sein Werk nicht vollenden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 5. 2001)

Von
Benedikt Sauer

Alpenverein- Museum,
Wilhelm-Greil-Str. 15,
Innsbruck.
Bis 8. Juli.
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