Terror, Sex und Rosen

11. Mai 2001, 19:38
posten
Soll er den Saal verlassen?", fragt der Richter. "Nein, er soll ruhig zuhören", sagt Angelika (25). Sie kennt den Angeklagten gut. Sie war vier Wochen mit ihm zusammen. - Vier Wochen freiwillig. Das halbe Jahr danach unfreiwillig. Er ist nicht mehr aus ihrem Leben verschwunden. Sie hat getan, was sie konnte, um ihn abzuschütteln. Sie hat es zu lange ohne Polizei versucht. Jetzt steht Alfred (53) wegen fünf Vergewaltigungen vor Gericht.

Angelika erspart ihrem (mutmaßlichen) Peiniger, dem Schöffengericht und sich selbst kein Detail des Martyriums. Er quälte sie mit Telefonaten, spürte ihr bei der Arbeit nach, stellte sie bei jeder Flucht, fand sie sogar im Urlaub, lauerte ihr vor der Haustür auf, drängte sie in die Wohnung, sperrte zu, bettelte um eine Chance, bekam sie nicht, nahm sie sich. Danach peitschte er sie mit Rosen.

Am nächsten Tag stand er mit frischen Blumen vor der Tür, weinte und bat um Vergebung - und um eine Chance. Sie gab ihm keine. Er nahm sie sich. Er drückte die Frau aufs Bett, legte das Küchenmesser neben sie und sagte: "Das ist keine Vergewaltigung, hier hast du eine Waffe."

Ein andermal drohte er: "Schick mir Fotos von dir und deiner Tochter, damit alle wissen, wie ihr vorher ausgesehen habt. Ich werde mich in dein Leben eingravieren. Du wirst mich noch anflehen, dass du mit mir ins Bett gehen kannst." Warum sich Angelika nicht gewehrt hat? - "Sie können sich nicht vorstellen, wie gelähmt man in solchen Situationen ist", sagt sie. "Oh doch", antwortet der Richter. Die Schöffen nicken.

Der Angeklagte bekennt sich kein bisschen schuldig. Er will "immer für sie da gewesen" sein, will ihr geholfen haben. "Sie hatte eine schwere Zeit", erklärt er. "Wir vermuten psychische Probleme", hilft ihm sein Verteidiger.

Der Sex? - "Das war so ein Hin und Her", sagt Alfred. Die Drohungen? - "Erfunden." - Warum? - "In ihre Psyche kann ich nicht eindringen", sagt der Angeklagte. Da irrt er. Der Prozess wird vertagt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2001)

von Daniel Glattauer
Share if you care.