Raidl: "Statt Wiener Börse ein Österreich-Fenster in Frankfurt"

11. Mai 2001, 18:14
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Experten aus Industrie und Finanzbranche sehen für die Wiener Börse Handlungsbedarf

Wien - Experten aus Industrie und Finanzbranche sind über den Zustand der Wiener Börse zunehmend besorgt, schreibt "Die Presse" (Samstagausgabe). Börse-Vorstand und Finanzminister wollen nächste Woche eine "fundamentale Kapitalmarktoffensive" vorstellen. Sollten neuerliche Reform- und Belebungsversuche nicht fruchten, schlägt Böhler-Uddeholm-Chef und Börse-Aufsichtsrat Claus Raidl in der Zeitung vor, an Stelle der Wiener Börse überhaupt ein "Österreich-Fenster" in Frankfurt aufzumachen.

Dass es um die Wiener Börse nicht allzu gut bestellt ist, die Aktienumsätze heuer kräftig eingebrochen sind, kommentiert Raidl der Zeitung gegenüber kritisch: "Die Sünden der Vergangenheit sind offenbar nur schwer wieder gutzumachen." Diese seien umso schwerwiegender, als die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen in Wien mittlerweile optimal seien.

Spezialisierung auf "Small caps"

Raidl schlägt vor, dass sich die Wiener Börse auf kleinere Unternehmen ("small caps") und zwar nicht nur solche aus Österreich spezialisieren sollte. Das hätte jedoch nur einen Sinn, wenn man diesen eine spezielle Dienstleistung anbiete: Investmentbanken sollten gegen Bezahlung verpflichtet werden, diese small-caps zu analysieren. Damit wäre den Unternehmen eine gewisse Aufmerksamkeit der internationalen Investoren sicher, die sie derzeit nicht haben.

Sollte das alles nicht zu einer Belebung der Wiener Börse führen, dann wäre eine radikalere Lösung zu überlegen, meint der Industrie-Manager. Diese würde freilich ein Ende einer eigenständigen Wiener Börse bedeuten: "Man könnte einfach an der Frankfurter Börse ein Österreich-Fenster machen."

Keine Zukunft für die Newex

Für die praktisch umsatzlose Wiener Ostbörse Newex sieht Raidl keine Zukunft und rät deshalb zum Zusperren. Anders sieht das Gerhard Grund, Investmentbank-Chef der Raiffeisen Zentralbank (RZB). Man sollte die vom Management für die nächste Zeit geplanten Veränderungen an der Newex noch abwarten. Es sei von Anfang an klar gewesen, daß eine Ostbörse "extrem zyklisch" sein werde. Grund verweist darauf, daß auch die US-Technologiebörse Nasdaq nach ihrer Gründung zunächst jahrelang praktisch umsatzlos dahingrundelte. Erst dann kam der gigantische Aufschwung. Daher sollte man bei der Newex noch etwas Geduld haben.

"Kein Wachstumssegment"

Michael Buhl, Investmentbank-Chef der Erste Bank, bemängelt, dass es an der Wiener Börse kein Wachstumssegment gibt. Dadurch gingen etliche Umsätze verloren: "Es gibt mittlerweile zahlreiche internationale Fonds, in deren Anlagebestimmungen steht, dass sie Titel kaufen müssen, die auf einem Wachstumsmarkt gelistet sind."

Laut Investkredit-Vorstand Wilfried Stadler ist es für die Wiener Börse "eine Minute vor zwölf". Eine konzertierte Aktion sei nötig, weil Österreichs mittelständische Wirtschaft auch künftig einen leistungsfähigen Kapitalmarkt brauche. Die jüngsten Kapitalmarktoffensiven waren laut Stadler noch nicht ausreichend. Sorge bereitet ihm vor allem der Exodus gewichtiger Industrietitel aus dem Fließhandel. (APA)

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