Der Schleudersitz Banking

11. Mai 2001, 14:19
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Risk-Management und der Human-Factor in der Bankenwelt

Standard: Der Human-Factor gewinnt im Informationszeitalter immer größere Bedeutung. Wie sehen Sie die Auswirkungen dieser Entwicklung speziell auf den Bankensektor?

Göth: Keine Branche ist einem derart schnellen Wandel unterworfen wie die Bankenindustrie. Völlig neue Vertriebswege bringen Banken unter Druck. Technische Aspekte und Lösungen stehen extrem im Vordergrund. Aber man braucht Leute, gestandene Persönlichkeiten, die Strategien formulieren und die rein technischen Instrumente richtig handhaben, die genau wissen, wie sich ihr Markt entwickelt und ein Gefühl für Change-Management haben. Die bekannten top-ten Shortlists in der Finanzindustrie werden zunehmend auf ein Thema heruntergebrochen: den Human-Factor.

Wentner: In diesem Bereich gibt es unterschiedliche Ebenen: Einerseits die Managementebene, die etwas von Strategie und Unternehmertum verstehen muss, und andererseits die Mitarbeiterebene, die sehr stark mit dem Bereich Personalmanagement verknüpft ist. Im Personalmanagement ist der Wandel sehr stark. Früher war der Personalbereich sehr administrativ organisiert, und die Administration bleibt natürlich eine Kernanforderung. Heute nehmen Personalabteilungen aber immer stärker Unterstützungs- und Servicefunktionen für die Führungskräfte wahr, damit diese ihre Personalentwicklung optimal erfüllen können. Der neueste Trend ist nun, dass der Personalmanager wirklich die Strategie der Führung unterstützt und ein Gesprächs- und Sparingpartner für den Vorstand wird, der die Veränderungsprozesse begleitet.

Göth: Durch die zunehmende Technisierung des Bankwesens, durch die die Anforderungen immer konkreter und diffiziler werden, muss das Top-Management fähig sein, die technischen Instrumente so zu verdichten, dass man jederzeit auf den Markt, der sich rasend ändert, flexibel reagieren kann. Aber auch die Anforderungen an das Personal auf operativer Ebene sind extrem gestiegen. Heute müssen ganze Portefeuilles abgegrenzt und mit statistischen Regressionen auf ihren Risikogehalt überprüft werden.

Standard: Wie sehen Sie nun den Wandel im modernen Risiko-Management?

Göth: Traditionell beschäftigte man sich in den Banken sehr stark mit der quantitativen Risikoseite, also mit Ausfallswahrscheinlichkeiten im Kreditwesen. Nun wird im Risk-Management immer mehr die qualitative Seite, also der operationale Faktor gesehen. Die Instrumente zur Messung und Steuerung und die tollste Software bringen nur etwas, wenn auch Menschen da sind, die sie entsprechend zum Leben erwecken.

Wentner: Und das hat enorme Auswirkungen auf den Prozess der Rekrutierung: Die Herausforderung ist, welche Leute mit welchen Grundqualifikationen man braucht, wie man die Ausbildungsseite gestaltet, wie man höchstqualifizierte Mitarbeiter hält, damit das Wissen im Unternehmen bleibt. Eigene Mitarbeiter müssen entwickelt werden, da sie am Markt kaum zu finden sind.

Göth: Das Banking wurde in den letzten zehn Jahren ein völlig anderes Business. Die Anforderungen sind so schwierig geworden, dass nur die Veränderungsfähigen überleben werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe)

Darüber sprachen die Beraterin Gundi Wentner und der Financial Services Partner von Deloitte & Touche Philip Göth. Die Doppelconference moderierte Standard-Mitarbeiter Matthias Raftl.
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