Fall von japanischer Wissenschafts-Spionage in den USA?

11. Mai 2001, 15:54
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Es geht um Genmaterial zu Alzheimer - Auslieferung erwünscht

Tokyo - Über ein potenziell heikles diplomatisches Problem zwischen Japan und den USA im Zusammenhang mit einer von US-Seite angestrebte Auslieferung eines Wissenschaftlers berichtete Reuters ausführlich: Takashi Okamoto, 40, wird beschuldigt, von seinem früheren Arbeitgeber, der Cleveland Clinic, genetisches Material aus einem Forschungsprojekt über die Alzheimer-Krankheit 1999 bei seinem Wechsel an ein japanisches Forschungsinstitut mitgenommen zu haben.

Gegen Okamoto und seinen am Medical Institute der Universität von Kansas beschäftigten angeblichen Komplizen Hiroaki Serizawa, 39, fuhr ein Gericht im Bundesstaat Ohio schwere juristische Geschütze auf: Wirtschaftsspionage mit einem angedrohten Strafrahmen von 15 Jahren, plus Transport eines gestohlenen Gutes über die Landesgrenze (10 Jahre) plus "Conspiracy" (5 Jahre). Haftbefehl und Auslieferungsantrag auf Basis dieser Anklage würden gestellt, zitierte die Nachrichtenagentur Kyodo die Staatsanwaltschaft von Cleveland.

Nun ist Okamotos neuer Arbeitgeber das Japanische Institut für Physikalische und Chemische Forschungen RIKEN und zu 94 Prozent vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie finanziert. Über die Frage, inwieweit genetisches Material Privateigentum sein kann, herrschen zudem international sehr divergierende Ansichten.

Entsprechend gedehnt fielen am Freitag die japanischen Stellungnahmen aus: Justizministerin Mayumi Moriyama äußerte, eine Antwort würde erfolgen, falls ein "juristisch gerechtfertigter" Auslieferungsantrag gestellt würde: "Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht, ob so ein Antrag gestellt wird, und auf hypothetische Fragen kann ich keinerlei Antworten geben. [...] Andererseits, falls ein derartiger Antrag gestellt würde und dieser eine juristisch gerechtfertigte Prozedur einhielte, wäre es notwendig, darauf zu antworten."

Ein Vorstandsmitglied des japanischen RIKEN-Instituts sagte in Medieninterviews, dass Okamoto keine Proben aus den USA mitgebracht hätte.

Wissenschaftsministerin Atsuko Toyama hat eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema zusammengestellt: "Das ist ein Themenfeld, das global auf Interesse und Aufmerksamkeit stößt. Und es ist für unsere Regierung notwendig, klare Fakten zu erhalten und Informationen zu sammeln."

Hintergrund: Japan hat sich auf dem lukrativen pharmazeutischen Teilmarkt der Medikamentierung der frühen Verlaufsstufen der Alzheimer Krankheit zuletzt eine immer stärkere Position erworben. Mehrere Firmen haben Marketingkampagnen für Medikamente gestartet, die eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufes versprechen.

Das US-Gericht teilte auch Details über Okamotos angeblichen Spionagefeldzug mit: Von 1997 bis 1999 in der Alzheimer-Ursachenforschung tätig, hätte er bei seiner Abreise Forschungsmaterial zerstört und zur Ablenkung Proben zurückgelassen, die bloß aus Leitungswasser bestanden hätten. Komplize Serizawa soll dem FBI gegenüber falsche Angaben gemacht und beim Schmuggel geholfen haben. Von Okamotos Verbleib wisse man nichts, das US-Gericht geht aber davon aus, dass er noch in Japan lebt.
hcl

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