Chinesen verlassen in Scharen Jugoslawien

11. Mai 2001, 15:50
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Nach dem Machtwechsel ist die Zahl der Einwanderer dramatisch gesunken

Belgrad - Vor fünf Jahren nach Serbien eingewanderte Chinesen verlassen in Scharen das Land ihrer Hoffnung. Von den 100.000 Einwanderern, die sich auf dem Höhepunkt der binationalen Freundschaft in der jugoslawischen Republik eingefunden hatten, sind nur noch ein Fünftel übrig geblieben.

Der Exodus begann mit dem Sturz von Staatspräsident Slobodan Milosevic vor einem halben Jahr. "Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass wir hier nicht länger erwünscht sind", sagt dazu Hong Shen, Vorsitzender der Vereinigung der in Serbien lebenden Chinesen. Seinen Schätzungen zufolge besteht die chinesische Gemeinde in Belgrad nur noch aus 16.000 Mitgliedern und wird sich auch künftig weiter verkleinern.

Mira Markovic voll des Lobes

Belgrad und Peking waren sich näher gekommen, nachdem Milosevics einflussreiche Frau Mira Markovic der Volksrepublik während der Demonstrationen gegen Serbien 1996/97 einen Besuch abgestattet hatte. Nach ihrer Rückkehr war sie des Lobes voll. China sei der Spagat zwischen marxistischer Politik und freier Wirtschaft gelungen, sagte sie.

Die damalige First Lady pries das Reich der Mitte als Vorbild für Serbien an, das schwer an den internationalen Sanktionen in den 1990er Jahren zu tragen hatte. China wiederum übte 1999 starke Kritik an den Luftangriffen der NATO auf Serbien.

Schulterschluss nach Angriff auf chinesische Botschaft

Als bei einem Angriff im Mai des gleichen Jahres die chinesische Botschaft in Belgrad getroffen wurde und dabei drei Chinesen ums Leben kamen, rückten Belgrad und Peking noch enger zusammen. Im Dezember 1999 gewährte China den Serben einen Kredit in Höhe von 300 Millionen US-Dollar, mit denen Milosevic die drohende finanzielle Krise in seinem Land abwehren konnte.

Nach 1996 zog es Tausende von Chinesen nach Serbien. Viele hatten den Versprechen in von der serbischen Regierung finanzierten Zeitungsanzeigen Glauben geschenkt. "Darin hieß es, Serbien sei das Land der Möglichkeiten und das Tor zur Europa", erinnert sich Liu Ma, eine 25-jährige Verkäuferin, die wie die meisten ihrer Landsleute im schäbigen Belgrader Stadtteil Block 70 wohnt. "Erst als wir hier ankamen, sahen wir das Elend."

Lockere Visa-Vorschriften

Die meisten Einwanderer betätigten sich als Kleinhändler, die mit ihren preiswerten Waren aus China gerade bei den mittellosen Serben gut ankamen. Die Ankömmlinge profitierten von lockeren Visa- Bestimmungen zwischen beiden Ländern. Inoffiziellen Schätzungen zufolge beantragten damals jede Woche 300 Chinesen eine Arbeitserlaubnis. Die Genehmigung kostete 200 Dollar und war drei Monate lang gültig.

Viele Immigranten hatten einen guten Draht zur lokalen Bevölkerung. Sie stellten Serben ein, die ihnen bei den Verhandlungen halfen. Andere Einwanderer wiederum bekamen Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit zu spüren.

"Es gab schon mal mehr Chinesen hier", sagt Ljuba Menkovic, die eine Bar in der Einkaufszone von Block 70 besitzt. "Die Serben mögen sie nicht, weil sie schmutzig und unfreundlich sind. Sie blieben unter sich, und wenn etwas passiert, rufen sie nicht die Polizei. Sie leben in einer anderen Welt. Das macht die Leute hier nervös."

Drehscheibe für Menschenhandel

Westliche Beamte gehen davon aus, dass Serbien unter Milosevic eine Drehscheibe des internationalen Menschenhandels gewesen ist. Chinesen, die in ein EU-Land gelangen wollten, wurden Schleppergebühren von mehreren Tausend US-Dollar abverlangt. Im letzten Jahr wurden in der serbischen Schwesterrepublik Montenegro zwei jugoslawische Soldaten bei dem Versuch festgenommen, 25 Chinesen zur Küste zu bringen. Serbien und Montenegro bilden zusammen die Bundesrepublik Jugoslawien.

Von Montenegro aus versuchen Schlepper regelmäßig Menschen per Motorboot über die Adria nach Italien zu schleusen, dem Brückenkopf zur EU. Im Londoner Prozess um den Erstickungstod von 58 Chinesen, die in einem Container geschmuggelt worden waren, stellte sich erst kürzlich heraus, dass die Illegalen ihre Reise in Jugoslawien angetreten hatten.

Die neue serbische Regierung sagt zwar, dass sie nichts gegen die Chinesen hat, diese aber angesichts der schlimmen wirtschaftlichen Lage wenig Spielraum hätten. "Wir zwingen niemanden zu gehen", versichert Justizminister Vladan Batic. "Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es schon für unsere Leute keine Jobs gibt." (IPS)

Von Vesna Peric Zimonjic
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