Der ORF als "Geiselnehmer"

11. Mai 2001, 19:14
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ATV-Chef Kloiber hat Zweifel an genügend wirtschaftlichen Spielraum für Privatfernsehen

Wien - "Nur weil wir nicht wahnsinnig laut schreien, heißt das nicht, dass wir erschlaffendes Interesse an Privat-TV in Österreich haben" sagt Herbert Kloiber. Interesse hat der Aufsichtsratschef und 25-Prozent-Gesellschafter des Privatsenders ATV, aber nicht um jeden Preis.

Entscheiden soll sich die Bewerbung von ATV um eine Lizenz zum Senden abseits von Kabel und Satellit 30 Tage nach der Verabschiedung von neuem ORF- und Privatfernsehgesetz. Wirtschaftliche Chancen - und damit einen Antrag von ATV - macht er von vier Punkten abhängig: Sonderwerbeformen sollten für den ORF "tabu" sein, von Unterbrecherwerbung müsste wieder abgesehen werden ("die hat's auch in der Vergangenheit nicht gebraucht"). Für alle ORF-Spartenkanäle fordert der Tele-München-Chef völlige Werbefreiheit, und den Programmauftrag möchte er verschärft sehen. Über die "180-Grad-Kehrtwende der FPÖ" in diesen Punkten kann sich Kloiber nur wundern. Denn noch vor ein paar Wochen hätten ihn dieselben FP-Politiker eines "klaren Votums für die Schaffung von ausreichendem wirtschaftlichem Spielraum für Privat-TV" versichert. Kloiber: "Wenn sich nun nicht einmal die ÖVP gegen die Phalanx von News, Krone und FPÖ durchsetzt, dann müssen wir auch nicht Märtyrer spielen."

Dass sich zu dieser Allianz nun auch noch die österreichische Produzentenschaft gesellt hat, kann Kloiber nicht verstehen: "Privatfernsehen tut doch keinem weh." Ganz im Gegenteil würden Film-und Produktionswirtschaft durch Privat-TV noch stimuliert. Denn: "Mit dem Abspielen von Konserven wird man hier keinen Blumentopf gewinnen." Er verweist auf Deutschland: Dort werden 60 Prozent aller Aufträge für Produktionen inzwischen von Privatsendern vergeben. So auch seine Prognose für Österreich: Bei einem veranschlagten Budget von einer Milliarde Schilling für das erste Jahr auf der bundesweiten terrestrischen Frequenz würde man bis zu 50 Prozent für österreichische Produktionen ausgeben, verspricht Kloiber.

Auch den Schulterschluss der Werbewirtschaft mit dem ORF kann der ATV-Gesellschafter nicht nachvollziehen. Denn dass Agenturen nicht für ein Mehr an Werbemöglichkeit bei konkurrenzbedingt sinkenden Preisen kämpfen - wie es mit Privat-TV in drei bis fünf Jahren der Fall wäre -, sei sehr kurzsichtig gedacht.

Wer Werber und Filmer zur ORF-Verteidigung bewegte, ahnt Kloiber: "Geiselnahmen sind eine alte Kriegslist."

"Weis macht aus dem ORF eine Institution, bei der überhaupt keiner mehr etwas werden will", sorgt sich Kloiber dann auch noch um den Küniglberg. Er sehe keinen "nach dem Posten gieren - wenn Weis nicht ohnehin sein eigener Nachfolger wird". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. Mai 2001)

Zweifel an genügend wirtschaftlichem Spielraum für Privatfernsehen hat ATV-Gesellschafter Herbert Kloiber. Über die ORF-Verteidiger Film- und Werbewirtschaft kann er sich nur wundern, berichtet Julia Eder.
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