Indiens "Unberührbare" kämpfen gegen Unterdrückung

11. Mai 2001, 11:37
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Kastenlose sehen sich als Opfer des Rassismus - Regierung wiegelt ab

Neu-Delhi - Indiens 'Unberührbare' kämpfen darum, sich auf der kommenden UN-Weltkonferenz gegen Rassismus Gehör zu verschaffen. Der Regierung in Neu-Delhi werfen sie vor, das Thema des indischen Kastenwesens unter allen Umständen von der Tagesordnung der Konferenz fernhalten zu wollen.

Vom 31. August bis 7. September werden in der südafrikanischen Hafenstadt Durban hochrangige Regierungsvertreter aller Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen und zahlreiche Repräsentanten staatlicher und nichtstaatlicher Organisation erwartet. Der offizielle Titel des Treffens lautet 1. UN- Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und andere Formen der Intoleranz.

Zusammenschluss von 35 NGOs

Zu den Opfern von Diskriminierung zählen auch die Unberührbaren oder 'Dalits'. 35 große indische NGOs haben deshalb die 'National Campaign on Dalit Human Rights' (NCDHR) ins Leben gerufen, die in Durban für die Kastenlosen sprechen will. Die Regierung in Neu-Delhi ist jedoch der entschiedenen Ansicht, dass das Kastenwesen kein Thema der Konferenz ist. Deshalb wehrt sie sich gegen eine Teilnahme der NCDHR an der Konferenz in Durban.

"Schon der Titel der Konferenz entwertet jedoch die Argumentation der Regierung", meint Smita Narula, Expertin der US- Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch'. Außerdem habe der ständige Ausschuss der Internationalen Konvention zur Bekämpfung jeder Form von Rassismus bereits festgestellt, dass die Situation der Dalits in Indien sehr wohl unter das Mandat der UN-Konvention fallen und damit auch für die Konferenz in Durban zugelassen werden kann.

Kein gesellschaftlicher Aufstieg möglich

Nach unterschiedlichen Zählungen leben in Indien 160 Millionen bis 240 Millionen Dalits. Sie werden in ihre Kaste hineingeboren und können nicht in eine andere Kaste aufsteigen. Heiraten mit Angehörigen höherer Kasten sind praktisch unmöglich. Viele Berufe bleiben den Dalits versperrt, was dazu führt, dass Kastenlose überwiegend zugleich die ärmste Bevölkerungsschicht bilden. Auch heute noch weigern sich selbst gebildete höherkastige Hindus von einem Kastenlosen auch nur ein Glas Wasser anzunehmen.

NCDHR wirft der Regierung vor, den Versuch systematisch zu stören, die internationale Aufmerksamkeit auf das indische Kastenwesen zu lenken. "Wir befürchten ganz konkret, dass die Regierung Dalit-Aktivisten, die nach Durban reisen wollen, den Reisepass verweigert", erklärt Paul Divakar, Koordinator der NCDHR. Er fordert vor allem mehr Schutz vor Missbrauch und Ausbeutung für Dalits und spezielle Programme zur Förderung Kastenloser in UN-Projekten.

Meinungsschlacht in indischen Medien

Um die Frage, ob das Kastenwesen eine Form von Rassismus darstellt oder nicht, ist inzwischen auch in der indischen Zeitungslandschaft eine Meinungsschlacht entbrannt. Nach Ansicht von Professor Andre Beteille, der als Soziologe an der Universität von Delhi lehrt, hat das Kastenwesen weniger mit Rassismus als mit sozialer und politischer Diskriminierung zu tun. Er wirft den UN sogar vor, den Rassismusbegriff unzulässig auszuweiten, wenn sie den Kastenlosen die Teilnahme an der Konferenz gestattet.

Vimla Thorat, Mitglied der NCDHR und Professorin für Literatur an der Offenen Indira-Gandhi-Universität von Neu-Delhi sieht dies ganz anders. Sie verweist darauf, dass 90 Prozent der jährlich rund 40.000 vergewaltigten Frauen in Indien der Gruppe der Dalits angehören. Nach ihrer Ansicht sind Dalits und Dalit-Frauen die am schwersten benachteiligte und am meisten diskriminierte Bevölkerungsgruppe der Welt.

Nach Ansicht von Thorat ist es eine bittere Ironie, dass Indien massiv den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika unterstützt hat und zu den Unterzeichnern aller wichtigen Menschenrechtsabkommen gehört, sich aber zugleich weigert, über das Kastenwesen zu sprechen. (IPS)

Von Ranjit Dev Raj
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